Arrivederci, Italia! Grazie per la tua ospitalità! (Foto: Sven Rech /SR)

"Bleiben Sie zuhause" - Teil 22

Sven Rech   16.06.2020 | 15:15 Uhr

SR-Reporter Sven Rech hat seit 2010 Neapel zu seiner zweiten Heimat erkoren. Das macht ihn zu zeiten von Corona zum Korrespondenten aus einem Krisengebiet. Jetzt sagte er "Arrivederci, Italia" und ist zurückgekehrt nach Deutschland.

DIE RÜCKKEHR

Der Grenzübertritt war geradezu beleidigend banal. Der italienische Grenzbeamte schaute kurz auf mein Nummernschild und winkte mich mit dem Daumen teilnahmslos durch. Seine Schweizer Kollegen würdigten mich keines Blickes.

Dann lag das Land hinter mir, in dem ich mich seit Anfang Februar aufgehalten habe und das mich seit Anfang März festhielt. Nein: das mich in diesen fünf Monaten Coronakrise beherbergt und beschützt hat. Und selbst furchtbar unter ihr gelitten hat.

JETZT FLIEGEN SIE WIEDER

Was bleibt von diesen fünf Monaten? Die Bilder aus Bergamo sicher: die Kolonne von Militärlastwagen, die die Särge abtransportieren musste, weil nicht genügend Leichenwagen zur Verfügung standen und nicht genügen Platz auf den Friedhöfen war. Die Stille in Neapel. Die Möwen auf dem Kirchendach gegenüber. In den fünf Monaten haben sie ihre Jungen großgezogen. Gestern, als ich die Koffer gepackt habe, ist eine junge Möwe – unter dem jubelnden Geschrei ihrer Eltern – ihre ersten Runden über unsere Terrasse geflogen. Ein kischigeres Symbol kann man sich kaum vorstellen, aber wenn es echt ist?

Wie zum Hohn donnert ein Verkehrsflugzeug über die Altstadt. In den Gassen wurden schon wieder Fremde mit Rollkoffern und fragendem Blick gesehen.

GESICHTER DER KRISE

Es gibt ein paar Gesichter, die ich nicht vergessen werde: der bleiche, übernächtigte Regierungschef in Rom, der sich vom farblosen Bürokraten in einen klugen und verantwortungsvollen Kapitän verwandelt hat. Denn Giuseppe Conte hat in dieser unsicheren Zeit vor allem eines vermittelt: Glaubwürdigkeit. Vertrauen.

Dann ein rundlicher kleiner Mann aus Neapel, der dem ganzen Land eine Hoffnung gegeben hat: der Arzt Paolo Ascierto hat mit einem Rheumamittel unzählige Corona-Patienten vor dem Erstickungstod bewahrt. Dass ein Doktor aus dem armen Süden erfolgreich gegen eine Krankheit kämpfte, die vor allem im reichen Norden so viele Opfer forderte, erfüllt die Neapolitaner mit solchem Stolz, dass sie ihm immer neue Denkmäler setzen. Zuletzt ist ein Eis nach Ascierto benannt worden: Schokolade mit Amarena-Kirschen. Der Hit der Phase Drei.

Und dann ist da der kleine Mann, der den Seinen unerschrocken die Leviten las. Kampaniens Regionalpräsident Vincenzo de Luca. Anders als viele seiner Kollegen hat er den richtigen herzlich-rauhen Ton getroffen, der die angeblich undisziplinierteste Bevölkerung im angeblich undisziplinierten Italien dazu brachte, sich an die strengen Regeln zu halten Über de Lucas knurrige Video-Botschaften lachten wir herzlich – und nahmen sie uns zu Herzen.

WIRD NUN ALLES WIEDER „NORMAL“?

Was noch? Die spontane Hilfsbereitschaft der Neapolitaner, natürlich. Das Aufrunden in den Geschäften zum Wohl derer, die jetzt kein Einkommen mehr hatten, die Essenskörbe für die Obdachlosen, die vielen Momente und Gesten reiner, unverstellter Menschlichkeit.

Werden wir davon etwas hinüberretten können in die sogenannte „Normalität“?

Schon geht es auch hier, in diesem von Corona so furchtbar geprüften Land wieder nur um Macht und Geld und bei denen, die weder Macht noch Geld besitzen, um ihr bisschen Recht auf ein bisschen Spaß. Der Grenzübertritt war wirklich beleidigend banal.

Arrivederci, Italia! Wir sehen uns bald wieder!



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