Jugendliche mit Gesichtsmasken (Foto: SR/Sven Rech)

"Bleiben Sie zuhause" - Teil 20

Sven Rech   25.05.2020 | 18:19 Uhr

SR-Reporter Sven Rech hat seit 2010 Neapel zu seiner zweiten Heimat erkoren. Das macht ihn jetzt zum Korrespondenten aus einem Krisengebiet. Das Leben hat in Italien langsam wieder begonnen – aber nicht allen fällt es leicht sich an die Hygieneregeln zu halten. Und zum ersten Mal, seit dem Lockdown geriet Sven Rech wieder in einen "movida-Stau".

Wie im Film?

„The survivors“ heißt eine Serie der BBC aus den 70er Jahren, auf Youtube kann man sie sich ansehen. Offenbar gibt es auch ein Remake aus dem Jahr 2008, und sicher drehen sie gerade das Remake des Remakes… - denn es geht um: „Die Überlebenden“ einer Pandemie. Die grobkörnigen Filme aus den 70ern sind beinah schon unheimlich in der Genauigkeit ihrer Prophezeihungen. Von den ersten Beschwichtigungen („eine kleine Grippe, nichts weiter“) bis zu den Durchhalteparolen („alles wird gut“) stand damals schon all das in den Drehbüchern, was wir heute erleben.

Um es gleich vorwegzunehmen: Nein, liebe Verschwörungstheoretiker, ich glaube nicht, dass die Corona-Pandemie eine Erfindung der BBC ist.

Aber wenn man eine Episode gesehen hat, kommt man sich im richtigen Leben durchaus vor wie einer dieser Survivors, der Überlebenden. Und nimmt das Umfeld wahr wie Ausschnitte aus einer noch nicht zu Ende geschauten Netflix-Erzählung mit lauter bedeutungsvollen Begebenheiten, an die wir uns erinnern werden, später:

Die ersten Male "danach"

Der erste Spaziergang nach der Ausgangssperre, das erste Mal am Meer, der erste Ausflug ohne Passierschein. Am Samstag hatten wir zum ersten Mal Besuch, nach dem das Kontaktverbot gelockert wurde. Eine Freundin kam zum Essen, sie wohnt am anderen Ende der Stadt, ich habe sie mit dem Auto abgeholt und wieder heimgefahren – Bus, U-Bahn oder Taxifahrten scheinen uns noch zu gefährlich.

Auf dem Heimweg dann noch ein erstes Mal: der erste Stau nach dem Lockdown.

Es gibt wieder Staus

Ich musste an Mergellina vorbei, einem kleinen Fischer- und Fährhafen im Westen Neapels. Von hier hat man einen herrlichen Blick auf die Bucht, den Vesuv und auf Capri, und darum ist der Hafen von Mergellina mit seinen Bars und Buden ein beliebter Treffpunkt für den Aperitiv vor dem Abendessen und vor dem Saturdaynight-Fever, was auf italienisch movida genannt wird. Für die drei-, vierhundert Meter braucht man bei Sonnenuntergang gerne mal 30 Minuten, umfahren ist nicht möglich: rechts ist das Meer, links ein steiler Hang, dessen Straße in einem so großen Bogen um die Stadt führt, dass sich der Umweg nicht lohnt.

Ich hatte Glück und entkam dem ersten Post-Corona-Stau schon nach 35 Minuten. So erfuhr ich erst am nächsten Tag aus dem Fernsehen, was dann geschah.

Obwohl die Bars schon um 23.00 Uhr abends dichtmachen müssen – und sich auch daran hielten – tobte die movida bis um vier Uhr morgens, an vielen Stellen der Stadt. Handyvideos entnervter Anwohner zeigen hupende Autoschlangen, die sich zwischen der feiernden Menschenmenge hindurchzwängen; zeigen hilflose Polizisten, die vergebens versuchen, die Leute wenn schon nicht nach Hause, so doch wenigstens ein bisschen auseinander zu treiben; zeigen, wie derweil das Polizeiauto von einigen Jugendlichen als Biertheke und Barhocker genutzt wird – nein, um nichts in der Welt würden sie auf diese erste laue Sommernacht im Freien verzichten, auch sie wollen sich später an dieses „erste Mal danach“ erinnern. Und hoffentlich können sie es dann ohne Bitterkeit.

Denn was die Videos ebenfalls zeigen, sind - neben leeren Bierflaschen, Plastikbechern, Zigarettenkippen auf der Straße - auch die weggeworfenen Gesichtsmasken. Und sie wirken mindestens so frivol wie die liegengebliebenen Büstenhalter und Spitzenunterhöschen im Matsch von Woodstock.

Die Movida - Happy End oder Cliffhanger für die nächste Staffel?

Werden wir darüber lachen oder erschauern? Ist die Serie damit (glücklich) zu Ende oder gibt es eine zweite Staffel, womöglich schrecklicher als die erste? Wie werden wir uns an die heruntergerissenen Masken erinnern? Wie an ein Symbol der Befreiung, der Lebensfreude, der Überwindung der Krise? Oder werden diese Bilder so ikonisch werden wie die aus Bad Ischgl, aus Heinsberg oder jetzt aktuell aus der „Alten Scheune“ im Landkreis Leer: stellvertretend für eine Gesellschaft, der das Recht auf Spaßhaben wichtiger schien als alles andere - und die darum an sich selbst zerbrach?

Die Überlebenden werden es beurteilen. Später.



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