Ein Glas mit einem Aperitif steht auf einem Tisch. (Foto: Sven Rech / SR)

"Bleiben Sie zuhause" - Teil 10

Die letzte Pizza

Sven Rech   17.04.2020 | 06:30 Uhr

SR-Reporter Sven Rech hat seit 2010 Neapel zu seiner zweiten Heimat erkoren. Das macht ihn jetzt zum (unfreiwilligen) Korrespondenten aus einem Krisengebiet. Doch die Italiener machen sich gegenseitig Hoffnung.

Vor genau sechs Wochen waren wir zum letzten Mal Pizza essen. Es war Freitag, der 6. März. Wir genossen einen Aperitif in der Abendsonne, spazierten die Uferpromenade entlang und flohen vor einem plötzlichen Regenschauer in eine Pizzeria – nicht ahnend, dass es für lange Zeit das letzte Mal sein würde.

Vier Tage später kam der Lockdown, Italien machte dicht. Für das Restaurant "Umberto" im vornehmen Stadtteil Chiaia war dieser Tag der erste Ruhetag seit über 100 Jahren.

Massimo di Porzio (Foto: Sven Rech / SR)
Massimo di Porzio

Ermelinda und Umberto di Porzio haben es 1916 als kleine Trattoria gegründet, mitten im ersten Weltkrieg. Und seither ging hier der Ofen niemals aus, sagt Massimo di Porzio, der das Familienunternehmen in dritter Generation leitet.

Mein Vater erzählte mir, dass sie sogar während des 2. Weltkriegs arbeiten konnten. Jetzt ist das Restaurant zum ersten Mal in der Geschichte geschlossen.

Bei Umberto sucht man in normalen Zeiten oft vergebens einen freien Tisch. Mittags strömen die Angestellten aus den umliegenden Büros in das Lokal, an den größeren Tischen halten Geschäftsleute ihre Meetings ab; abends sieht man zwischen den Gästen auch immer mal eine lokale oder nationale Berühmtheit. An den Sonntagen drängen sich ganze Großfamilien in dem verwinkelten Restaurant.

200 bis 250 Gäste, sagt Signor di Porzio stolz, bedienen seine 18 Angestellten pro Tag. Jeder Gast speist für durchschnittlich 30 Euro bei Umberto, macht pro Tag also ca 6000 Euro, pro Woche 42.000 und in sechs Wochen rund 250.000 Euro. Die jetzt fehlen.

400 Millionen Verlust allein an Ostern

"Für alle 6000 Restaurants und Pizzerien in Neapel und Umgebung schätzen wir nur für die Osterwoche die Verluste auf etwa 400 Millionen Euro", sagt Massimo di Porzio der nicht nur sein eigenes Restaurant führt, sondern auch Vizepräsident eines Vereins fungiert, der über die Qualität eines Weltkulturerbes wacht: nämlich über die neapolitanische Pizza. Nicht einmal die dürfen sie jetzt machen und den Leuten nach Hause liefern – denn in Kampanien ist das, anders als in den anderen Regionen Italiens, ebenfalls verboten.

Aber auch nach einer Lockerung der Maßnahmen rechnet di Porzio mit höchstens 30 Prozent der bisherigen Einnahmen. Denn es werden für lange Zeit die Touristen fehlen, die Geschäftsessen, die Familienfeiern:  "La gente ha paura - Die Leute haben Angst."

Wird Europa helfen?

Wenn schon die Verluste eines einzigen Wirtschaftssektors in einer einzigen Woche 400 Millionen betragen – wie hoch müssen dann die Kosten von sechs Wochen Stillstand in einem ganzen Land sein? Man wagt es sich kaum auszurechnen – und erst recht nicht sich vorzustellen, was passiert, wenn gewisse Staaten sich weiterhin so kleinlich in der gemeinsamen Bewältigung der Krise verhalten. Vielleicht hören sie ja – statt auf schwäbische Hausfrauen – ausnahmsweise mal auf den Chef einer Küche, die sich – von wegen dolce vita! - seit einem Jahrhundert keinen Urlaubstag gegönnt hatte.

Ich erhoffe von Deutschland und den Niederlanden mehr Offenheit für das, was die anderen europäischen Staaten vorschlagen. Denn sonst, fürchte ich, wäre das das Ende von Europa.

Vielleicht – hoffentlich – kommt es ja nicht, dieses Ende. Sondern ein neuer Anfang. Von einem solidarischen, wirklich geeinten Europa. Wir werden es dann feiern – mit einem Aperitiv am Lungomare. Und einer Pizza bei Umberto.


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