Lebensmittelhändler Salvatore Russo sammelt für Bedürftige (Foto: SR / Sven Rech)

"Bleiben Sie zuhause" - Teil 7

Corona-Bonds auf neapolitanisch

Sven Rech   01.04.2020 | 19:04 Uhr

SR-Reporter Sven Rech hat seit 2010 Neapel zu seiner zweiten Heimat erkoren. Das macht ihn jetzt zum (unfreiwilligen) Korrespondenten aus einem Krisengebiet. Doch die Italiener machen sich gegenseitig Hoffnung.

Eigentlich geht es uns gut - uns, die wir sicher zuhause sind, von der Krankheit verschont und mit dem Privileg ausgestattet, vom eigenen Computer aus arbeiten und Geld verdienen zu können. Wie viele andere können das nicht!

In Not geratene unterstützen

All die Friseure, die Kellner, die Barbetreiber, die Taxifahrer, Boutiquebesitzer, Pizzabäcker, Schauspieler, Musiker, Reinigungskräfte  - immer beiderlei Geschlechts natürlich – all diese Menschen haben in Neapel seit drei Wochen keine Einkünfte, und viele von ihnen können den Verdienstausfall nicht einmal belegen, weil ihre Arbeitgeber sie nicht gemeldet haben. Wovon sollen sie nun ihre Einkäufe bezahlen?

In Not geratene Menschen unterstützen

Bei Salvatore Russo, unserem Salumiere – dem italienischen Pendant zum Tante-Emma-Laden – hängt seit neuestem ein Schild: Wer will, kann auf das Restgeld verzichten oder ein bisschen mehr bezahlen. Die Summe wird aufgeschrieben und damit den in Not geratenen Menschen aus dem Viertel ein bisschen geholfen.

Eine einfache Sache: für die, die es sich leisten können, wird der Einkauf ein bisschen teurer; für die, die sich nichts leisten können, wird er überhaupt erst möglich.

Corona-Bonds auf neapolitanisch

Gestern warb der italienische Ministerpräsident Conte in der ARD für die sogenannten „Corona-Bonds“. Es handelt sich im Grunde um nichts anderes als um das, was unser Salumiere macht: um Solidarität bei denen zu bitten, die eine Gemeinschaft bilden, weil sie zufällig im selben Viertel wohnen. Bei Conte ist das Viertel ein bisschen größer – ein ganzer Kontinent, Europa, soll zusammenstehen.

Ein Gedanke, der ja – wir erinnern uns – einmal zur Gründung der EU geführt hat. Bei Contes Bitte geht nicht einmal darum, auf das Restgeld zu verzichten – nein: es sollen nur alle zusammen ihre Kreditwürdigkeit in die Waagschale werfen, damit die Schwächeren nicht so hohe Zinsen bezahlen müssen.

Bei Salvatore Russo ist so schon eine Stange Geld zusammengekommen. Die gefüllten Einkaufstüten werden von städtischen Behörden abgeholt und an bedürftige Familien verteilt.

Als europäische Gemeinschaft auftreten

 „Ja, und wenn der das Geld einfach für sich einsackt?“ Eine sehr deutsche Frage. Sie spielt beim Thema Euro-Bonds offenbar die Hauptrolle: „Soll ich einem anderen meine Kreditkarte überlassen, ohne die Ausgaben kontrollieren zu können?“ fragte der ARD-Kollege den italienischen Ministerpräsidenten stellvertretend für die Euro-Bond-Kritiker.

Als wäre das die Forderung. Es geht aber gar nicht darum, dem italienischen Finanzminister die Geldbeutel sämtlicher schwäbischer Hausfrauen zu überlassen. Es geht darum, als europäische Gemeinschaft aufzutreten und dadurch bei den Geldgebern gute Konditionen für alle zu bekommen, statt sehr gute für die Deutschen und sehr schlechte für die Italiener.

Kredit kommt von "credere = glauben"

Salvatore Russo wird das Geld bestimmt nicht einsacken. Das ganze Viertel vertraut ihm – wir ihm gern unser Restgeld und legen noch ein bisschen was drauf. Er wird es an die weitergeben, die es brauchen. Und ob sie es für 20 Packungen Toilettenpapier benötigen oder für Lebensmittel oder ein paar Flaschen Wein, können sie selbst entscheiden.

Das Wort „Kredit“ kommt übrigens vom italienischen Wort credere – glauben. Denn das Bankwesen haben die Italiener erfunden.


Aktuelle Informationen zum Coronavirus

Aktuelle Infos
Alle Nachrichten rund um das Coronavirus im Saarland
In unserem Dossier informieren wir Sie über aktuelle Nachrichten rund um das Coronavirus im Saarland und der Grenzregion.

Artikel mit anderen teilen

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja