Menschen zieht es wieder an die Uferpromenaden von Neapel (Foto: SR)

"Bleiben Sie zuhause" - Teil 16

Alles auf Anfang?

Sven Rech   06.05.2020 | 17:45 Uhr

SR-Reporter Sven Rech hat seit 2010 Neapel zu seiner zweiten Heimat erkoren. Das macht ihn jetzt zum Korrespondenten aus einem Krisengebiet. Doch die Italiener machen sich gegenseitig Hoffnung.

Der erste Ausflug seit zwei Monaten. Nun ja, kein Ausflug: ein Spaziergang. Aber immerhin - die Ausgangssperre ist vorüber.

Ich hatte diesen Moment mir anders vorgestellt. Pathetischer. Dustin Hoffman zieht sich erschöpft, aber glücklich den Mundschutz vom Gesicht, es ertönen die Streicher, molto appassionato. Die Pest ist besiegt!


Droht eine zweite Welle?

Im richtigen Leben – oder dem, was wir derzeit dafür halten – klingt alles viel weniger dramatisch. Gleichgültig plätschern in Neapel die Wellen an die Uferfelsen, darüber spazieren die Menschen in der Abendsonne, als wäre nichts gewesen. Kein Freudenfest, keine Tränen, keine Umarmungen – die schon gar nicht. Denn die Pest ist noch nicht besiegt. Wir sollen jetzt nur alle lernen, mit ihr zu leben. Im Internet hat noch einmal Paolo Ascierto, jener Mediziner aus Neapel, der so vielen Coronapatienten mit einer ungewöhnlichen Therapie-Idee das Leben gerettet hat, alle zur Besonnenheit ermahnt.

Das Virus ist noch unter uns. Wir dürfen nicht glauben, dass die Gefahr vorüber ist! Es gibt immer noch ein hohes Risiko, dass wir eine zweite Welle erleben.

Die zweite Welle. Da stehen wir nun am Ufer eines Meeres, dessen Wellen niemand je zu zählen vermag, und wir sind froh über seinen Anblick und sein blaues Plätschern: zwei Monate ohne Müll haben ihm sichtlich gut getan. Aber jetzt kommen wir alle wieder zurück, und die meisten wissen es offenbar gar nicht zu schätzen.

Man könnte jetzt innehalten. Sich fragen, ob man etwas anders machen könnte, sollte, müsste. Man könnte ein wenig Demut entwickeln vor der Macht der Natur, die uns in unsre Höhlen zurückgezwungen hat, die viele Opfer von uns gefordert hat, Todesopfer. In Italien eine 40 Prozent höhere Sterberate als in normalen Zeiten.

Jetzt wagen wir uns wieder hervor. Haben wir etwas begriffen?


Maskierte Normalität

Die Menschen an der Uferpromenade sind auf eine verstörende Weise – normal. Unpathetisch. Ungerührt. Die meisten tragen Masken, das ist das einzige, was der Normalität ein alarmierendes Antlitz verleiht. Hinter den Masken keuchen die Jogger, kreischen die Teenager, telefonieren die Passanten – ganz wie sonst, ganz wie vor den Zeiten der Pandemie. Und ist das nicht beruhigend?

Oder verpassen wir gerade etwas? Eine Einsicht, die Möglichkeit, alles noch einmal zu überdenken, neu zu gestalten, anders zu machen. Anders zu sein. Kleiner. Unwichtiger. Menschlicher. Natürlicher.

Das Ende hätte ein neuer Anfang sein können. Aber dazu haben wir wohl mal wieder keine Zeit.



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