Ein Korb hängt an einem Seil in einer Gasse (Foto: SR/Sven Rech)

"Bleiben Sie zuhause!" - Teil 6

Eine seltsame Welt da draußen

Sven Rech   30.03.2020 | 11:52 Uhr

SR-Reporter Sven Rech hat seit 2010 Neapel zu seiner zweiten Heimat erkoren. Das macht ihn jetzt zum (unfreiwilligen) Korrespondenten aus einem Krisengebiet. Doch die Italiener machen sich gegenseitig Hoffnung.

Drei Wochen Ausgangssperre sind vorbei

Die erste Woche war geprägt von ungläubigem Staunen, von den verzweifelt-fröhlichen Balkonkonzerten, mit denen man sich gegenseitig Mut zusang. In der zweiten Woche ließ das nach. Jetzt beherrschten die steilen Fieberkurven der Infektionszahlen die Gedanken, die Todesraten, die Bilder von erschöpften Krankenschwestern, infizierten Ärzten, verstorbenen Rettungswagenfahrern. In meinem Viertel wie in ganz Italien stellten sich die Menschen ins Fenster und applaudierten ernst und stumm den Rettungskräften – das Singen war uns vergangen.

In der dritten Woche stellten sich Routinen ein. Zum Einkaufen rüstet man sich wie ein Ritter vor der Schlacht. Die Atemmaske, die man noch im Keller gefunden hat, weil letzten Sommer eine Ratte aus der Garage vertrieben werden musste. Die Gummihandschuhe. Die Papiere für etwaige Kontrollen. Schließlich die Schuhe, die man nur noch draußen anzieht und die man bei der Rückkehr desinfiziert – wie auch jede Packung Nudeln, jede Flasche Wasser akribisch abgewaschen wird. Der kleine Vorraum hinter der Wohnungstür wird zur Dekontaminations-Zelle.

Stille im Land

An die Stille hat man sich fast schon gewöhnt. Daran, dass man nur noch einzelne Laute und Geräusche vernimmt statt eines urbanen Grundrauschens: ein bellender Hund, das Schreien eines Babys, die Schritte einer Frau auf dem Pflaster. Manchmal streiten die Nachbarn. Am Himmel schreien die Möwen. Flugzeuge haben wir schon seit Tagen nicht mehr gehört – normalerweise starten die Maschinen im Minutentakt über die Altstadt in Richtung Meer. Jetzt stehen auf den Flugplan des Airports nur noch sechs reguläre Flüge. Fünf der Ankünfte sind heute gestrichen, vier Abflüge ebenfalls.

Manchmal kreist ein Hubschrauber über der Altstadt. Die Carabinieri beobachten aus der Luft, ob sich irgendwo Menschen nicht an das Versammlungsverbot halten. Vor einigen Kirchen müssen immer wieder größere Gruppen auf Abstand gehalten werden. Es sind Obdachlose, die für warme Mahlzeiten anstehen. Wenn alle zuhause bleiben sollen – wo bleiben die, die kein Zuhause haben?

In den engen Gassen besinnen sich jetzt manche auf eine alte Tradition: Wenn man aus seiner Wohnung nicht herunterkann auf die Straße – weil die Beine zu alt und müde geworden sind, weil man ein krankes Kind nicht alleine lassen kann oder einfach, weil man keine Lust hat – dann lässt man einfach einen Korb an einem Seil herunter, und der Gemüsehändler, der Metzger, der Fischhändler legen die bestellten Waren hinein, rufen einen Gruß nach oben, und der Einkauf ist erledigt.

Jetzt nehmen die Körbe den umgekehrten Weg. Manche Leute kochen ein paar Portionen mehr, stellen die Mahlzeiten in die Körbe und rufen die Obdachlosen aus ihrem Viertel zum Essen. Jeder kann sich daran beteiligen und etwas von seinen Einkäufen in die Körbe legen – damit es an die verteilt wird, die gar nichts haben.

Und darum nehme ich jetzt den Mundschutz von der Garderobe, die Gummihandschuhe, die Papiere und ziehe zum Schluss die Schuhe an für die seltsame Welt da draußen. Routine.


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