Menschen an der Küste (Foto: Sven Rech)

"Bleiben Sie zuhause" - Teil 19

Sven Rech   22.05.2020 | 19:41 Uhr

SR-Reporter Sven Rech hat seit 2010 Neapel zu seiner zweiten Heimat erkoren. Das macht ihn jetzt zum Korrespondenten aus einem Krisengebiet. Das Leben hat in Italien langsam wieder begonnen – aber nicht allen fällt es leicht sich an die Hygieneregeln zu halten. Auch bei den Abstandsregelungen gibt es derzeit noch einige Unsicherheiten.

Kommen am Ende Touristen?

Eine gute Autostunde südlich von Neapel erstreckt sich eine der schönsten Küstenlinien der Welt: die Amalfiküste. Weltkulturerbe, Schauplatz der Odyssee sowie unzähliger Holly- und Bollywood-Romanzen, Touristenmagnet. Gestern waren wir dort – wir dürfen das jetzt wieder.

Ohne triftigen Grund. Ohne „autodichiarazione“, also ohne den Passierschein, den man sich zwei Monate lang für jede Bewegung selber ausstellen musste. Kein woher, wohin, warum, kein Bleiben Sie zuhause mehr – im Gegenteil. Sehnsüchtig erwarten die Bars und Restaurants, die Eiscafés und Pizzerien ihre Gäste. Und noch traut sich kaum einer, sie zu betreten.

Am Strand könnte man sonstwas machen

Die berühmte Amalfiküste ist noch immer eine fast menschenleere Kulisse für ein Freilufttheaterstück, das auf unbestimmte Zeit vom Spielplan genommen wurde. In Maiori, einem der größten Orte an der Amalfiküste, sitzen einsam drei Angler auf der Hafenmole, das Wasser ist so klar, dass man die Fische noch in fünfzehn Meter Tiefe sehen kann.

Am Strand turnt eine Bikinischönheit ihrem Ragazzo einen Handstandüberschlag vor – sie könnten auch sonst was machen, es würde keiner merken, denn die beiden sind mutterseelenallein an einem Strand, an dem man sonst um diese Zeit kein Handtuch mehr ausbreiten könnte. Hinter der Uferpromenade warten ein paar tausend Hotelzimmer und Ferienwohnungen auf Gäste.

Normalerweise hätte die Saison schon längst begonnen, erzählt meine Freundin Giovanna Dell’Isola, die von der Vermietung einer hübsche Dreizimmerwohnung mit Balkon und Meerblick einen Großteil ihres Lebensunterhalts bestreitet. Normalerweise.

Sven Rechs Freundin Giovanna Dell’Isola (Foto: Sven Rech)

„Ich hatte für diesen Monat Reservierungen von Gästen aus Neuseeland und aus Australien“,  erzählt Giovanna. „Natürlich haben alle abgesagt.“

Hinter Giovanna funkelt tiefblau das Meer, von ihrer Ferienwohnung sind es nur ein paar Schritte zum Strand.

"Letztes Jahr wussten wir nicht, wohin mit den Touristen"

„Wir erleben alle gerade eine sehr, sehr schwere Krise – vom 5-Sterne-Hotel bis zum Vermieter einer Ferienwohnung – und noch gibt es keine Perspektive für die nächsten Monate. Im letzten Jahr war es genau das Gegenteil: da wussten wir nicht, wo wir all die Touristen unterbringen sollten.“

Tatsächlich drohte im letzten Jahr der Verkehr auf der engen, kurvenreichen Küstenstraße zwischen Salerno, Amalfi und Positano mehrmals zu kollabieren. Jetzt gleitet man einsam auf ihr dahin, hört sogar das Meer von unten rauschen und schaut in die besorgten Augen der Einheimischen über den obligatorischen Gesichtsmasken. Wird in diesem Jahr überhaupt jemand kommen? In Giovannas verwaister Ferienwohnung steht ein Arsenal von Putz- und Desinfektionsmitteln bereit, alles blitzt und blinkt schon jetzt vor Sauberkeit, kein Stäubchen, nirgends.

Kaum Covid-Fälle an der Amalfitana

„Wir desinfizieren natürlich sämtliche Räume, obwohl wir sicher sind, dass sie nicht kontaminiert sind. An der Amalfiküste gab es so gut wie keine Infektionen, die Fälle kann man an einer Hand abzählen. Wir können also ruhigen Gewissens sagen, dass wir eine virusfreie Zone sind,“ erklärt Giovanna und sieht dennoch plötzlich ein bisschen besorgt aus.

„Wir wünschen uns natürlich, dass das auch so bleibt. Daher hoffen wir auf verantwortungsvolle Touristen, die nur dann verreisen, wenn sie sicher sind, dass sie selbst gesund sind.“

Auch die Strände werden in diesem Jahr anders aussehen. Um die Sonnenschirme wird viel Platz sein – von zehn bis zwölf Quadratmetern ist die Rede. Früher konnte man nicht mal die Hand ausstrecken, ohne den Strandnachbarn unschicklich zu berühren. Sein lettino, die Strandliege wird man in diesem Jahr per App vorbestellen müssen, länger als drei Stunden sind nicht erlaubt, damit jeder mal drankommt. Ein Andrang wie im letzten Jahr ist dennoch undenkbar.

„Unsere Strände sind klein, die Buchten felsig“, sagt Giovanna stolz wie eine Tourismus­broschüre:  „Aber wir bieten ein Meer und eine Landschaft, die man auf der Welt kein zweites Mal finden wird.

Ein Urlaub an der Amalfiküste könnte in diesem Jahr also ein recht exklusives Vergnügen werden. Wie in einem Hollywood-Film.



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