San Gennaro (Foto: Sven Rech / SR)

"Bleiben Sie zuhause" - Teil 9

Keine Ausnahme für den Schutzpatron

Sven Rech   06.04.2020 | 12:40 Uhr

SR-Reporter Sven Rech hat seit 2010 Neapel zu seiner zweiten Heimat erkoren. Das macht ihn jetzt zum (unfreiwilligen) Korrespondenten aus einem Krisengebiet. Doch die Italiener machen sich gegenseitig Hoffnung.

Nun also auch noch San Gennaro.

Nachdem wegen des Coronavirus die Kirchen schon seit Wochen keinen Gottesdienst, keine Hochzeit, keine Kommunion, nicht einmal eine Trauerfeier abhalten dürfen, nachdem sogar Ostern dieses Jahr als Videokonferenz gefeiert wird, nun auch noch San Gennaro. Seine Prozession am 2. Mai ist abgesagt. Das ist bitter für Neapel.

Denn San Gennaro ist der Schutzheilige von Neapel, ein besonders wirksamer dazu. Schon mehrfach hat er seinem mächtigsten Gegner, dem feuer- und lavaspeienden Vesuv, Einhalt geboten. Und ausgerechnet jetzt, in der größten Gefahr, soll auch für ihn gelten, was für alle gilt? "Bleiben Sie zuhause – restate a casa!"

Kein Blutwunder wegen Corona?

Seit Menschengedenken vollzieht sich am ersten Samstag im Mai das immergleiche Ritual. In einer Seitenkapelle des Doms bitten die Frommen den Heiligen um seinen Beistand. Genaugenommen bitten sie ihn nicht, sie befehlen es ihm. Mit denselben rauen, unüberhörbaren Stimmen, mit denen sie in den Gassen ihren Fisch anpreisen oder den Nachbarn zum Teufel wünschen. Und San Gennaro gehorcht.

Sein Blut, das als vertrockneter Klumpen in einer gläsernen Ampulle aufbewahrt wird, wird plötzlich flüssig. Das ist das Zeichen: alles wird gut – andrà tutto bene. In einer langen Prozession werden dann die Ampulle und die Statue des Heiligen durch die Altstadt getragen, bis zur Kirche Santa Chiara, wo das Wunder verkündet wird.

Nur selten ist es vorgekommen, dass sich San Gennaros Blut nicht verflüssigt hat, was dann als Zeichen kommenden Unglücks gedeutet wurde. Aber noch nie, niemals in den sechs- oder siebenhundert Jahren, in denen der Brauch gepflegt wird, ist es vorgekommen, dass die Prozession ausgesetzt wurde. Kann sich Neapel ein solches Sakrileg überhaupt leisten?

Die Virologen stellen die Frage andersherum: Können wir uns eine Zeremonie mit hunderten oder gar tausenden Teilnehmern leisten? Dicht an dicht und den engen Gassen und im Kirchenraum? Nein! Nicht umsonst hält sogar der Papst in Rom seine Ostermesse nur vor ein paar Fernsehkameras ab.

Salvini findet zum Glauben

Nur einer findet, dass man die Kirchen an Ostern wieder öffnen sollte: Matteo Salvini, jener Rechtspopulist, der noch letzten Sommer die italienischen Häfen für Flüchtlingsschiffe schließen ließ. Er setzt sich neuerdings als frommer Christ in Szene, den Rosenkranz immer griffbereit. Vor einigen Tagen begann er ein Fernsehinterview mit einem minutenlangen Totengebet, jetzt verkündet er, dass Wissenschaft allein uns nicht retten werde, man brauche auch den Beistand der Madonna. Die Empörungswelle ist gewaltig, aber genau das war vermutlich das Kalkül: besser ein Shitstorm als gar keine Klicks.

Prozession in aller Stille

San Gennaro hingegen kann sich freuen: er wird in diesem Jahr einmal nicht von den Fischweibern angeblafft, sondern – unter Ausschluss der Öffentlichkeit – von seinem Erzbischof persönlich durch die Kirche getragen, damit die Tradition nicht gebrochen wird. Sein Blut wird dabei vermutlich so flüssig wie noch nie. Andrà benissimo!


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