Leere Strandliegen stehen am Strand. (Foto: Sven Rech / SR)

"Bleiben Sie zuhause" - Teil 11

Die Möwen waren am Meer

Sven Rech   20.04.2020 | 08:00 Uhr

SR-Reporter Sven Rech hat seit 2010 Neapel zu seiner zweiten Heimat erkoren. Das macht ihn jetzt zum (unfreiwilligen) Korrespondenten aus einem Krisengebiet. Doch die Italiener machen sich gegenseitig Hoffnung.

Der Sonntag ging vorüber wie alle anderen. Oder war es stiller als sonst? Noch stiller? Am Mittag hörte man nicht einmal mehr die Möwen. Man sah sie nur: kleine weiße Sicheln im blauen Himmel, weit hinten über der Silhouette von Capri. Die Möwen waren am Meer. Die Glücklichen.

Die lokale Tageszeitung von Neapel, il Mattino, berichtet, das Meer im Golf von Neapel sei neuerdings so sauber wie das Meer in der Karibik. Azurblau! Smaragdgrün! Jedenfalls kristallklar! Melden die wenigen Augenzeugen, die in diesen Tagen das Wasser aus der Nähe gesehen haben. An der Hafenmole sollen sogar Delfine gesichtet worden sein.

"Umweltschutz ist möglich!"

„Zwei Monate ohne Umweltverschmutzung und illegale Müllverklappung haben genügt, um unsere Gewässer wieder wunderbar zu machen“, jubelt der Grünen-Abgeordnete im Regionalparlament Francesco Borelli. Eine grüne Partei, geschweige denn Abgeordnete einer solchen im Parlament, waren mir in all den Jahren gar nicht aufgefallen. Dieser nun ist ehrlich verblüfft:

„Die Natur“, so zitiert ihn der Mattino, „zeigt uns in all ihrer Schönheit, dass Umweltschutz möglich ist.“

Ja, wer hätte das geglaubt? Tatsächlich macht die Coronakrise derzeit weltweit deutlich, wie schön die Welt aussehen könnte, wenn die Menschen in ihren Höhlen blieben. Über China hat man jetzt nachts sogar Sterne sehen können.

Am Sonntagabend wurden wir dann von lautem Lärmen ans Fenster gelockt. Die Möwen waren zurück, saßen ohne Sicherheitsabstand auf dem Kirchendach und erzählten sich lauthals von ihrem Strandausflug.

Tonnenweise Abfall

Normalerweise wären an diesem Wochenende die ersten Sonnenschirme aufgespannt und die ersten Strandliegen aufgereiht worden. Lange Autokolonnen hätten sich zu den Stränden gerollt, tausende von eingeölten Menschenleibern hätten sich in die Wellen geworfen, deren leichtes Plätschern von Musik aus hundert Lautsprechern übertönt worden wäre. Bei Sonnenuntergang wären die Menschen dann alle wieder in ihre Autos gestiegen und hätten zusammen ein paar Tonnen Plastikflaschen, Wegwerfteller, Zigarettenkippen und Toilettenpapier hinterlassen.

Jetzt tauchen die Möwen im kristallklaren azurblau-smaragdgrünen Wasser und fangen sich ein paar Fische, statt im Abfall der Menschen zu picken. Erschütternder als der Gedanke, dass der Umweltschutz – theoretisch – möglich wäre, ist die Erkenntnis, dass wir in der Natur eigentlich nicht gebraucht werden. Vielleicht will sie uns deshalb gerade loswerden.


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