Charles III von Spanien (Foto: Sven Rech)

"Bleiben Sie zuhause" - Teil 21

Sven Rech   29.05.2020 | 16:00 Uhr

SR-Reporter Sven Rech hat seit 2010 Neapel zu seiner zweiten Heimat erkoren. Das macht ihn jetzt zum Korrespondenten aus einem Krisengebiet. Das Leben hat in Italien langsam wieder begonnen – dennoch sind die Straßen sehr leer. Zum ersten Mal seit dem Lockdown, läuft Sven Rech in einsamen Schritten über den Marktplatz und stellt fest, dass das dort stehende Denkmal aktuell nur noch ein Denkmal ist, das niemanden mehr hat, den es zum Denken bringen könnte.

Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig,
das den Nachkommen so viel Freude bereitet hätte.
(J.W. von Goethe, „Italienische Reise“)

DAS GESPENST

Der Wind treibt eine Staubfahne über die Straße auf uns zu wie einen Spuk. Wir drehen uns um und schließen die Augen. Trotzdem prickeln feine Sandkörner auf den Wangen und verfangen sich unter dem Mundschutz. Einen Augenblick lang scheint sich das Staubgespenst für uns zu interessieren, verlangsamt seinen Flug, umkreist uns einmal, zweimal, dreimal – dann lässt es ab und weht davon. Die Straße ist wieder still, die Sonne brennt auf das Pflaster, und als wir die Augen wieder öffnen, sehen wir die Hitze flirren.

IN EINER TOTEN STADT

Die Stadt ist leer. Vollkommen leer. In dieser Stadt drängten sich früher die Menschen, lachten, lärmten, palaverten in allen Sprachen durcheinander. In der Stadt am Fuß des Vesuvs gab es einen Hafen, es gab Kneipen, Bäder, Bordelle, Geschäfte und Theater, ein Stadion, einen schönen, weitläufigen Platz, auf dem Markt abgehalten wurde und Volksversammlungen, auf dem Kinder spielten und Liebespaare Händchen hielten, es gab breite Boulevards und enge, verwinkelte Gassen, die manchmal unversehens an einer Hauswand endeten und zur tödlichen Falle werden konnten, denn – so schön die Stadt am Fuße des Vesuvs auch war – so war sie doch auch bekannt für ihre finsteren Gestalten.

Sie alle sind verschwunden. Die Bösen und die Guten, die Armen und die Reichen, die Alten, die Liebenden und die Kinder. Dahingerafft von einer Katastrophe, die plötzlich da war, scheinbar aus dem Nichts über die Stadt und ihre Menschen hereingebrochen war.

EINSAME SCHRITTE IM STAUB

Wir gehen weiter. Die Häuser schauen uns aus leeren Fensterhöhlen hinterher. Der große Marktplatz liegt verwaist und traurig in der Sonne. An einer Seite das Denkmal irgendeines Großen, das niemanden mehr hat, den es zum Denken anhalten könnte. Kein Marktgeschrei, kein Kinderlärm, kein Liebesflüstern. Nur unsre eigenen Schritte im Staub.

Wir setzen uns auf die leeren Zuschauerränge des Theaters. Schauen in private Wohnräume, bewundern die Bilder an den Wänden, denken schaudernd an die einstigen Bewohner. Wie sind sie gestorben? War es qualvoll? Ging es schnell? Dürfen wir einfach so durch ihre Häuser spazieren? Rasch wandern wir weiter durch die menschenleeren Gassen. Früher kamen auch Touristen in die Stadt. Tausende jeden Tag. Jetzt sind wir die einzigen Besucher, zumindest an diesem Nachmittag.

Das Ticket bucht man im Internet (6,50 €), am Eingang wird Temperatur gemessen (36,5°), dann darf man hinein.

Wie – „wo hinein“?  In die Ruinen von Pompei natürlich. Sagte ich das nicht?



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