Portait von Dr. Paolo Ascierto von Jorit aus Neapel (Foto: Facebook/Jorit)

"Bleiben Sie zuhause" - Teil 13

Neapel hat einen neuen Helden

Sven Rech   25.04.2020 | 08:00 Uhr

SR-Reporter Sven Rech hat seit 2010 Neapel zu seiner zweiten Heimat erkoren. Das macht ihn jetzt zum (unfreiwilligen) Korrespondenten aus einem Krisengebiet. Doch die Italiener machen sich gegenseitig Hoffnung.

Neapel hat einen neuen Helden. Es handelt sich um einen etwas fülligen Mittfünfziger mit glattrasiertem Gesicht, in dem kluge, warmblickende brauen Augen durch eine nicht allzu schicke runde Brille schauen und die auffallend wulstigen Lippen sich zu einem Lächeln kräuseln. Unter den Augen laufen links und rechts je zwei dunkelrote Streifen in elegantem Schwung über die Wangen in Richtung Hemdkragen. Oder züngeln sie wie Flammen an ihnen empor? Sind es Narben? Eine Kriegsbemalung?

In jedem Fall sind sie das Markenzeichen des Künstlers Jorit aus Neapel. Mit diesen Streifen hat er auch schon Diego Maradona porträtiert und den Stadtheiligen San Gennaro, die Menschenrechtlerin Ilaria Cucchi, den großen Komödianten Toto und einen kleinen autistischen Jungen namens Niccolò – allesamt Ikonen der Hafenmetropole am Fuß des Vesuvs.

Perfekter Fotorealismus

Schöne ausdrucksvolle Gesichter, die – in perfektem Fotorealismus riesengroß auf Hauswände und Fabrikmauern gemalt - ernst und eindringlich auf ihre Betrachter herabblicken. Man fühlt sich in Frage gestellt von diesen Gesichtern, angeklagt, beschämt, ohne dass man wüsste weswegen. Es sind Blicke, die einen nicht loslassen, und die narbenähnliche Kriegsbemalung verschafft ihnen zusätzliche Kraft, Unerbittlichkeit – und Würde.

Dr. Paolo Ascierto

Und nun ist da das Porträt des rundlichen Mannes mit dem warmen Lächeln, das so gar nicht zur kriegerischen Attitüde passen will. Aber dieser Mann hat vielleicht mehr als all die anderen Porträtierten gekämpft: es ist Dr. Paolo Ascierto, jener Arzt aus Neapel, der die Idee hatte, mit einem Rheumamittel gegen das Lungenversagen durch die Corona-Infektion anzugehen – und der damit viele Menschen vor dem Ersticken gerettet hat. Mittlerweile wird seine Behandlungsmethode in ganz Italien in einer klinischen Studie angewendet, und auch in anderen Ländern wird das Medikament bei schwerkranken Covid-19-Patienten eingesetzt.

Kämpfen musste Paolo Ascierto aber nicht nur gegen die neue heimtückische Krankheit, sondern auch gegen neidische Kollegen und alte Vorurteile: aus Neapel, was soll da schon kommen?

Gegen alte Feindschaften

Die alten Feindschaften zwischen Nord- und Süditalien brechen in diesen Tagen wieder auf. Für Wirbel sorgte eine Fernsehreporterin aus Mailand, die live aus Neapel berichten sollte und dabei bedauerte, dass auf der Straße gerade keine undisziplinierten Menschen zu sehen seien. Ein anderer Journalist handelte sich diese Woche sogar eine Strafanzeige wegen übler Nachrede und Hetze ein, nachdem er behauptet hatte, das Problem mit den Süditalienern sei nicht, dass sie sich minderwertig fühlten, sondern dass sie minderwertig seien.

Auch für diesen Kampf also steht die Kriegsbemalung in Asciertos viel zu nettem Gesicht. Und der ganze Mezzogiorno, der Süden Italiens, ist stolz auf ihn.

Für einen guten Zweck

Das Bild des Graffiti-Künstlers Jorit wurde vorgestern versteigert. Es brachte 14.400 € ein. Jorit hat die Summe sofort gespendet. Eine Hälfte bekommt das Krankenhaus in Neapel, an dem Ascierto arbeitet, die andere Hälfte geht an die am schwersten von Corona betroffene Region Italiens, die Lombardei. Im Norden.


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