Phase 2 in Neapel - Küssen kann man nicht mit Maske und auf zwei Meter Entfernung (Foto: Sven Rech)

"Bleiben Sie zuhause" - Teil 18

Es wird wieder laut

Sven Rech   18.05.2020 | 10:45 Uhr

SR-Reporter Sven Rech hat seit 2010 Neapel zu seiner zweiten Heimat erkoren. Das macht ihn jetzt zum Korrespondenten aus einem Krisengebiet. Das Leben hat in Italien langsam wieder begonnen – aber nicht allen fällt es leicht sich an die Hygieneregeln zu halten. Auch bei den Abstandsregelungen gibt es derzeit noch einige Unsicherheiten.

Zwei Monate ist es her, da habe ich an dieser Stelle erzählt, wie unheimlich es war, durch das sonst so lebendige, lärmende Neapel zu gehen und nichts zu hören als das Geräusch der eigenen Schritte. Jetzt ist der Lockdown größtenteils vorbei, aber was von draußen an Lärm hereindringt, ist fast noch unheimlicher.

Das Gekreisch und Geschrei der Jugendlichen auf den Stufen der alten Kirche gegenüber hat mich früher nie gestört – aber jetzt macht es mir regelrecht Angst. Denn neuneinhalb Wochen (hieß so nicht mal ein hormontreibender Film?) haben die Keimdrüsen der Pubertierenden fast zum Platzen gebracht, jetzt muss es alles raus, und da man mit Masken nicht küssen kann und auf zwei Meter Entfernung auch nicht, werden auf den Stufen von Santa Chiara gerade die beiden Hauptregeln von Phase Zwei – Leben mit dem Virus – in die Tonne getreten. Und wir alten Säcke raufen uns die ungeschnittenen Haare und sehen die zweite Welle schon als Tsunami auf uns zurasen. Sind wir zu pessimistisch? Ich will es hoffen.

Die dunkle Seite der Macht

In unserer Stadt gibt es keine Demonstrationen von Leuten mit Aluhüten, die glauben, die ganze Pandemie sei eine Erfindung von finsteren Mächten – aber es gibt finstere Mächte, die sich jetzt immer stärker bemerkbar machen. In den Lärm der Stadt mischt sich jetzt wieder das Knattern der Feuerwerke, und sie verheißen nichts Gutes. Früher, vor Corona, gab es in Neapel eigentlich immer irgendwo ein Feuerwerk, zu jeder Tages- und Nachtzeit konnte es knallen und flimmern.

Die Anlässe waren sehr unterschiedlich: eine Hochzeit, eine Gartenparty oder ein Signal an die Mitglieder irgendeines Camorra-Clans. Hochzeiten und Gartenpartys scheiden gerade aus.

In Not geratene Hoteliers, Restaurantbesitzer, kleine Betriebe berichten indes immer öfter vom berühmten Angebot, das man nicht ablehnen kann: Wir kaufen Deine Klitsche, und Du bist alle Sorgen los. Aber den Preis bestimmen wir.

Auch von Schüssen aus scharfen Waffen wird berichtet, hinter der Kirche konnten wir gestern selber welche hören. Kurz darauf, so steht heute in der Zeitung, schleppte sich ein Mann mit einem Bauchschuss ins Krankenhaus…

Ist es da nicht gut, dass heute alles wieder normal wird? Wenigstens ein bisschen?

Die neuen Normen der Normalität

Noch gibt es so viele Verordnungen und Auflagen, dass kaum jemand durchblickt. Wieviel Meter Abstand müssen Restauranttische haben? Einen? Zwei? Anderthalb? Warum dürfen Menschen, die zusammen in einem Hotelzimmer geschlafen haben, nicht auch gemeinsam den Aufzug benutzen? In unserer Region, Kampanien, herrscht mal wieder das strengste Reglement, mit eiserner Faust verordnet von Lino Ventura alias Regionalpräsident Vincenzo de Luca.

"Die Region Kampanien ist die schwierigste Region Italiens. Wir haben hier die höchste Bevölkerungsdichte Italiens, in der Provinz Neapel sogar die höchste Dichte Europas. Wenn wir hier die Kontrolle verlieren, wird das eine Hekatombe."

Als Hekatombe bezeichnete man im antiken Griechenland  ein Opfer von hundert Rindern – also ein Opfer von unermesslichen Ausmaßen. In Neapel, das von den alten Griechen vor 3000 Jahren gegründet wurde, so denkt de Luca vermutlich, kennt man diesen Begriff noch. Wenn ich aus dem Fenster auf die Stufen der Kirche gegenüber schaue, bin ich da allerdings nicht so sicher.

Andererseits: Küssen stärkt das Immunsystem.



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