Eine Handpuppe, die Vincenzo de Luca nachempfunden ist (Foto: SR/Sven Rech)

"Bleiben Sie zuhause" - Teil 8

Was wir vermissen werden

Sven Rech   02.04.2020 | 21:40 Uhr

SR-Reporter Sven Rech hat seit 2010 Neapel zu seiner zweiten Heimat erkoren. Das macht ihn jetzt zum (unfreiwilligen) Korrespondenten aus einem Krisengebiet. Doch die Italiener machen sich gegenseitig Hoffnung.

Mitte Mai. Dann haben wir es geschafft.

Zwischen dem 5. und dem 16. soll die Epidemie in Italien zum Stillstand kommen, sagen die Experten. Noch sechs Wochen also. Sechs Wochen voller Meldungen, Zahlen, Diagramme, voller Bilder, Geschichten, Schicksale, die man kaum noch erfassen kann. Sechs Wochen Ausnahmezustand, sechs weitere Wochen, in denen man wohl zuhause bleiben muss.

Und doch hat mich die Nachricht der Experten aufatmen lassen: Es ist Licht zu sehen, der Tunnel hat ein Ende! Nur noch sechs Wochen…

Jeden Tag eine Wohnungsreise

Menschen sind so. Vermutlich ein angeborener Instinkt: Noch in der größten Katastrophe (oder gerade dann) freut man sich über jedes noch so kleine Zeichen der Hoffnung. Einer unserer Nachbarn – man trifft sich, selten genug, abends beim Müllrunterbringen – hat zwei kleine Kinder.

Wie halten sie das alles aus? Er habe, erzählt der Nachbar, die Wohnung in vier Zonen aufgeteilt: Norden, Süden, Osten, Westen. So können sie jeden Tag eine Reise machen. Und er lacht fröhlich über das tägliche kleine Glück seiner Kinder.

Beatmungsmasken aus Taucherbrillen

Ich habe begonnen, solche kleinen Geschichten zu sammeln: Da gibt es den findigen Ingenieur aus Norditalien, der eine handelsübliche Taucherbrille zum Schnorcheln in eine funktionstüchtige Beatmungsmaske für Schwerkranke auf Intensivstationen verwandelt hat. Mittlerweile läuft die Produktion in großem Maßstab, der Hersteller der Taucherbrillen hat 10.000 Stück zur Verfügung gestellt – kostenlos.

Auf diversen Kanälen taucht immer wieder ein Dinosaurier auf – ein Tyrannosaurus Rex, wenn ich mich nicht irre. Das Ungeheuer bringt brav den Müll zum Container oder schiebt in der Schlange vor dem Supermarkt seinen Einkaufswagen einen Meter weiter. In dem Saurier steckt – man ahnt es - ein Mensch, der wohl keinen Mundschutz mehr bekommen hat und dem Coronvirus nun im Ganzkörper-Faschingskostüm entgegentritt.

"Sheriff" Vincenzo de Luca

Viel gelacht wird auch über den Präsidenten der Region Kampanien – also das Äquivalent des Ministerpräsidenten eines deutschen Bundeslandes. Vincenzo de Luca ist ein stämmiger, nicht allzu groß gewachsener Mann vom Typ Lino Ventura, ein großväterlicher Patriarch, dem man durchaus auch eine harte Linke zutraut. Seit der Coronakrise nennen sie ihn hier halb spöttisch, halb ehrfürchtig den „Sheriff“.

De Luca hat es sich zur Aufgabe gemacht, seine Landeskinder und vor allem die -enkel in Videobotschaften mit grimmiger Miene zur Ordnung zu rufen – sprich: zuhause zu bleiben. Dazu thront er hinter seinem Schreibtisch und poltert, nach ein paar würdevollen Einleitungssätzen, los wie ein Fußballtrainer in der Kabine: „Ragazzi…!!!!“

Parodie mit Handpuppe

Schon gibt es eine Handpuppe à la Muppetshow nach seinem Bilde, und man weiß nicht, worüber sich mehr amüsieren soll: über die Parodie, die sogar Jesus Christus mit Bußgeld und Quarantäne droht, sollte er sich an Ostern ohne triftigen Grund aus seinem Grab bewegen – oder über den echten Präsidenten, wie er kopfschüttelnd eine der Atemmasken vorführt, die der Region aus Rom geschickt wurden. Sie hat statt Gummibändern nur zwei Löcher für die Ohren. „Ragazzi“, poltert der Präsident: „Was soll das sein? Schutzmasken für Bugs Bunny?“

Es gibt Dinge, die werden wir vermissen. Mitte Mai.


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