Neapel, Corso Umberto, zur Rush-hour am Freitag, 13.3.2020 (Foto: Sven Rech/SR)

„Bleiben Sie zuhause!“

Sven Rech   14.03.2020 | 12:44 Uhr

SR-Reporter Sven Rech hat seit 2010 Neapel zu seiner zweiten Heimat erkoren. Das macht ihn jetzt zum (unfreiwilligen) Korrespondenten aus einem Krisengebiet. Doch die Italiener machen sich gegenseitig Hoffnung.

„Tutto andrà bene“ - alles wird gut: Diesen Satz wird man am heutigen Samstag in ganz Italien lesen. In den sozialen Netzwerken wurde dazu aufgerufen, ihn auf Zettel, Kartons, Betttücher zu schreiben und ab Samstag aus dem Fenster zu hängen. Alles wird gut – eine Botschaft von allen an alle: Lassen wir den Kopf nicht hängen, irgendwann werden wir unsere Dörfer, Städte, unser Land auch wieder betreten dürfen.

Ein Hoffnungsschimmer

Darum will auch ich gleich mit einer guten Nachricht beginnen: In einem Krankenhaus in Neapel ist es einem Arzt gelungen, nun schon den dritten schweren Covid-19-Fall mit einem Rheuma-Medikament erfolgreich zu therapieren – und das binnen weniger Stunden. Alle drei Patienten könnten vermutlich bald wieder selbständig atmen, heißt es, die Lungenentzündung heile ab.

"Wir bleiben zuhause, für unser aller Wohl", steht auf dem Schild einer Konditorei in Neapel. (Foto: Sven Rech/SR)
"Wir bleiben zuhause, für unser aller Wohl", steht auf dem Schild einer Konditorei in Neapel.

Jetzt soll das Mittel auch in anderen Kliniken getestet werden – und wenn es sich als so wirksam herausstellt wie vermutet, dann wäre das Medikament ein erster Stachel gegen das Virus. Und der neapolitanische Arzt würde vielleicht in die Geschichte eingehen wie einst Alexander Fleming, als der das Penicillin entdeckte.

Soweit ist es noch lange nicht, aber hier sei der Name des Arztes schon einmal gefeiert – stellvertretend auch für all die anderen Mediziner und Pflegekräfte, die derzeit auf der ganzen Welt buchstäblich bis zum Umfallen gegen das Virus kämpfen: Paolo Ascierto, grazie! Tutto andrà bene!

Ausgangssperre

Heute ist der vierte Tag, nachdem am Montagabend, kurz vorm Krimi, plötzlich das laufende Programm unterbrochen wurde – im doppelten Sinn des Wortes: Ministerpräsident Conte sprach mit ernster Miene auf seine Landsleute ein, erklärte das ganze Land zur Roten Zone und sagte den Satz, der bis dahin undenkbar gewesen wäre in einem freien Land mitten in Europa: „Bleiben Sie zuhause!“

SR-Reporter Sven Rech auf seiner Terrasse in Neapel. (Foto: Sven Rech/SR)
SR-Reporter Sven Rech auf seiner Terrasse in Neapel.

Es hat ein wenig gedauert, bis auch mir klar wurde, dass das kein freundlich gemeinter Ratschlag war – sondern eine offizielle Anordnung: es handelt sich faktisch um eine Ausgangssperre. Wer sie ignoriert und ohne triftigen Grund auf der Straße unterwegs ist, kann mit bis zu drei Monaten Gefängnis bestraft werden.

Da das vermutlich niemand glaubt, zumal in Zeiten, in denen auch die Gerichte geschlossen sind und in den Gefängnissen Revolten ausgebrochen sind, hat soeben der Regionalpräsident von Kampanien – also dem „Bundesland“, dessen Hauptstadt Neapel ist – angedroht, jeden, der beim bloßen Spazierengehen erwischt wird, unter Quarantäne zu stellen.

Mein Eindruck, wenn ich zum Einkaufen gehe (das ist erlaubt): Es gibt sowieso keine Spaziergänger mehr. Die wenigen Menschen, die unterwegs sind, haben es eilig, wieder nach Hause zu kommen. Der Fischverkäufer, der Metzger, der Gemüsehändler, der Salumiere, dessen Beruf man am besten mit Tante Emma übersetzt (tatsächlich sind all diese Verkäufer männlich, zumindest in meinem Viertel), sie stehen wie Helden hinter ihren Auslagen, halten die Stellung, um ihre Schutzbefohlenen, die Kunden, zu versorgen – nicht nur mit Lebensmitteln, auch mit Trost, mit einem Lächeln, einem Witz, einem Apfel statt der 20 Cent Restgeld und der so beruhigend normalen Frage: Che altro – was darf’s sonst noch sein?

Stille

Ja, was braucht man noch? Was fehlt? Auf dem Rückweg vom Einkaufen denke ich darüber nach. Eigentlich haben wir alles, was wir brauchen. Wir haben Strom, Gas, fließendes Wasser, Lebensmittel, genug zu Lesen und ein funktionierendes Internet – und doch: Etwas fehlt ungemein. An einem Freitagnachmittag knattern normalerweise die Mopeds durch die engen Gassen, zwischen hunderten, tausenden von Fußgängern, die sich darum nicht scheren, die lachen, in ihre Handys schreien oder sich in kleinen Gruppen lauthals über das Wetter, den Fußball oder die neueste Krise unterhalten. Dazwischen Horden von Touristen aus aller Herren Länder, bellende Straßenköter, fußballspielende Kinder, hupende Autos, Straßenmusiker… Wer in Neapel wohnt, darf nicht lärmempfindlich sein. Umso empfindlicher reagiert man jetzt auf die Stille. Dass man in dieser Stadt seine eigenen Schritte auf dem Pflaster hört, ist geradezu beängstigend.

Während ich dies schreibe, dringen plötzlich seltsame Geräusche von der Gasse herauf. Ich öffne das Fenster – alle anderen haben es auch schon getan. Dann hören wir es: Jemand hat seine E-Gitarre gestimmt und fängt jetzt an zu spielen. Nicht schön. Aber zurzeit so selten!

Zurück am Computer erfahre ich: Es war eine landesweite Aktion – ein Flashmob auf den Terrassen, Balkonen, an den offenen Fenstern. Ganz Italien singt sich die Angst von der Seele.

Alles wird gut! Tutto andrà bene!

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