Szenenbildner Andreas C. Schmid (Foto: Privat)

„Wir bieten ein kleines Abenteuer an“

Kathrin Paul   11.04.2019 | 20:00 Uhr

Die Dreharbeiten zum neuen Saar-Tatort sind zu Ende, nach 21 Drehtagen ist die letzte Klappe gefallen. Mit zum Team gehörte auch Szenenbildner Andreas C. Schmid, der sich im Saarland auf die Suche nach den geeignetsten Drehorten gemacht hat.

Andreas C. Schmid ist Szenenbildner und eigentlich in München zuhause. Allerdings kennt er sich im Saarland vielleicht besser aus als so mancher Ur-Saarländer. Seitdem er 2008 zu seinem ersten Tatort ins Saarland gerufen wurde, weiß er, wo die schönsten, dunkelsten und auch unheimlichsten Orte im kleinsten Bundesland zu finden sind. Im SR-Gespräch erzählt der Szenenbildner von seiner Arbeit und was ihn am Saarland so fasziniert. 

SR.de: Was genau fällt in Ihren Arbeitsbereich?

Schmid: In meinen Arbeitsbereich fällt alles, was auf dem Filmbild zu sehen ist, mit Ausnahme der Kostüme. Ich bin verantwortlich für die Drehortsuche, für das Design der Räume und die Farbgebung. Es ist im Grunde das, was einen Film lebendig und glaubhaft macht. Diese Ausstattung mache ich auch nicht alleine, sondern mit einer Anzahl von fantastischen Mitarbeitern, wie beispielsweise Requisiteur, Assistenzen und Filmmalern. Wir entwickeln zusammen und stellen dann am Ende die Orte zur Verfügung, die die Schauspieler dann mit Leben erfüllen. 

SR.de: Wann war Ihr erster Einsatz im Saarland?

Schmid: Die ersten Erfahrungen im Saarland durfte ich 2008 machen mit dem Tatort „Das schwarze Grab“ mit Gregor Weber und Maximilian Brückner. Von der RAG gab es die Zusage, in Reden drehen zu dürfen. Bei der Drehortbesichtigung stand ich dann das erste Mal in einem Schachtkorb und bin dann in einem Affenzahn 960 Meter runter und dachte: „Oh man, warum muss ich jeden Film zusagen.“ Ich kam unten an und fand es toll.

Ich war dann vier Wochen mit meinen Mitarbeitern da unten, und das war so ein abenteuerliches Erlebnis. Da hat meine Liebe zum Saarland begonnen. Da habe ich etwas über die Gesellschaft, wie sie hier funktioniert, kapiert, die zumindest damals noch sehr stark vom Bergbau geprägt war. Was ich wahnsinnig interessant fand, war dieser Kontrast zwischen Natur und Industrie. Nirgends habe ich das so erlebt: Wirkliche Idylle und direkt daneben dampfende wilde Industrieanlagen. Das hat für mich die Schönheit des Saarlandes ausgemacht, in Verbindung damit, wie ich hier die Menschen kennengelernt habe.

SR.de: Sucht man die wichtigsten Wahrzeichen oder bedient sich typisch saarländischer Klischees?

Schmid: Es geht nicht darum, in einem Tatort die Sehenswürdigkeiten zu verkaufen. Wenn sie in die Geschichte passen, dann freut man sich natürlich. Wir versuchen das zum Beispiel auch in diesem Film, der jetzt zwar nicht an großen saarländischen Schauplätzen spielt, trotzdem lassen wir viel von dem Umgebungsflair miteinfließen.

Wir sehen zum Beispiel den Kommissar, wie er mit dem Bus aus Berlin langsam ins Saarland kommt. Das wird mit tollen Drohnenflugbildern begleitet. Ich gehe nicht los mit dem Bewusstsein, diesmal muss jetzt wieder die Kirche St. Johann oder der Marktplatz ins Bild. Also wenn es sich ergibt, zeigt man gerne, was man hat vor Ort und wenn es sich nicht ergibt, sucht man andere Möglichkeiten, etwas Typisches zu zeigen. 

SR.de: Wie findet man geeignete Drehorte, wenn man die Gegend nicht kennt? Und wie geht man bei der Suche vor?

Schmid: Ich arbeite oft in Gegenden, die ich nicht kenne. Es ist eine Grundvoraussetzung für den Beruf, dass man sich schnell in diesen Gegenden zurecht findet, dass man Kontakt aufnimmt mit den Menschen und dass man eben durch Recherche relativ zügig an die Orte kommt, die einen elektrisieren als Szenenbildner und die dann auch dem Film die nötige Kraft verleihen für die jeweilige Szene.

Dazu kontaktiere ich verschiedene Institutionen, wie zum Beispiel die Architektenkammer. Man arbeitet wie ein Detektiv: Ich fange an, irgendwo anzurufen und lasse mich dann von Station zu Station weiter verbinden. Wegen der komplexen Anforderungen des Drehbuchs hat mir beim aktuellen Tatort bei der Motivsuche der Saarbrücker Gregor Wickelt sehr geholfen. Eine weitere Möglichkeit ist, mich ins Auto zu setzen und die Gegend wie mit dem Läusekamm zu durchkämmen. Es ist ein freudvolles "Sich-Verirren" und dem Zufall auch mal eine Chance geben. 

SR.de: Was muss ein Drehort mitbringen, damit er für einen Tatort geeignet ist?

Schmid: Ein wichtiger und guter Drehort hat eine ganz eigene Kraft - ein Ort, der eine Geschichte transportieren kann und auch eine Geschichte aushält. Der Ort entwickelt sich dann mit unserem Zutun zu einem Bühnenbild.

SR.de: Wie sieht Ihre Arbeit während der Dreharbeiten aus?

Schmid: Während der Drehphase ist es meine Aufgabe, dass ich mit den Kollegen die Drehorte so vorbereite, dass sie bedrehbar sind, also dass Regie und Kamera zufrieden sind und die Schauspieler sich in einer glaubhaften Umgebung befinden. Ich bin morgens so lange am Drehort, bis die erste Klappe gefallen ist, bis ich weiß, dass alles läuft und funktioniert und dann kümmere ich mich um die nächsten Drehorte, also um den Vorbau und kümmere mich dann wieder um den Rückbau der vorangegangenen Drehorte. Wichtig ist auch, dass wenn die Dreharbeiten vorbei sind, die Motivgeber ihre Wohnungen, Häuser, Fabrikhallen wieder in dem Zustand zurückbekommen, wie wir das vereinbart haben. 

SR.de: Wo kommen die Requisiten her?

Schmid: Wir sprechen einfach Menschen an und fragen sie, ob sie uns beispielsweise ihren Lkw zur Verfügung stellen. Die Requisiteure tragen dann die Sorge, ob das auch alles mit Menschen funktioniert, die wir gar nicht kennen, sondern die wir für einen Moment angesprochen haben. Wenn der Lkw nicht da ist, kann man nicht drehen. Wir machen vieles aus mit Menschen, mit denen wir uns zum allerersten Mal treffen. Wir müssen denen vertrauen und in den allermeisten Fällen funktioniert das. Gerade auch im Saarland, wo man sehr mit Freude dabei ist und diese Tatort-Drehs wirklich begeistert unterstützt. 

SR.de: Wie läuft das Drehen in Privathäusern ab?

Schmid: Sobald es in den Privatbereich geht, also in Privathäuser, muss man Kontakt aufnehmen, klingeln und sagen: Hallo wir drehen einen Tatort, euer Haus ist mir aufgefallen, ich hab die Hoffnung, dass sich da eine bestimmte Geschichte, die im Drehbuch steht, verwirklichen lässt, könnt ihr euch das vorstellen? Dann wird erzählt, was es eben bedeutet, so einen Film zu machen, dass wir schon auch ins Privatleben eingreifen.

Man muss vielleicht nachts drehen, die Familie müssen vielleicht ausziehen, an manchen Wänden muss eventuell die Farbe geändert werden, vielleicht kommen neue Möbel ins Haus. Wenn die Leute dann immer noch Spaß haben bei dem Aufwand, dann sind das genau die Richtigen. Ihre Wohnungen oder Häuser verwandeln sich dann in ein Bühnenbild. Wir bieten ja ein kleines Abenteuer an, man sitzt in allererster Reihe und erlebt den Fernsehabend live im Wohnzimmer mit.

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch.

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