Schauspieler Klaus Maria Brandauer (Foto: picture alliance/dpa/Uwe Anspach)

"Lebenserfahrung sollte keine Bürde sein"

Klaus Maria Brandauer im Interview

  27.12.2020 | 20:00 Uhr

Im Film-Projekt Feinde spielt Klaus Maria Brandauer den Strafverteidiger Konrad Biegler. Im Interview spricht er über seine Rolle und was ihn an dem Projekt interessiert hat.

Herr Brandauer, als Strafverteidiger interessiert sich Konrad Biegler für Motivation und Vorgehen des Täters. Mitgefühl mit dem Opfer und seiner Familie hat für ihn in diesem Zusammenhang keinen Platz. Was ist Biegler für ein Mensch?

Er ist einer, der kann, was er tut, und darin ist er konsequent. Das gibt es gar nicht so oft. Biegler hat eine klar umrissene Rolle, eine Funktion, die er so gut wie möglich ausfüllen will. Ich denke, ihm ist das alles sehr bewusst, und gerade diese Fähigkeit macht ihn als Menschen aus. Es ist ja nicht so, dass er kein Mitgefühl hätte oder dass er nicht auch Verständnis für die andere Seite zeigen könnte. Und dann ist er ja auch noch ein lebensfroher Genussmensch.

Der Fokus von „Feinde“ liegt weniger auf einer ausführlichen Charakterstudie der Figuren, stattdessen soll die Figur, eine bestimmte Sichtweise auf das Thema provozieren. Wie nähert man sich als Schauspieler so einer Aufgabe?

Strafverteidiger Konrad Biegler (Klaus Maria Brandauer) vor Gericht. (Foto: ARD Degeto/Moovie GmbH/Stephan Rabold)
Klaus Maria Brandauer in seiner Rolle als Strafverteidiger Konrad Biegler.

Das macht für mich keinen so großen Unterschied. Es ist immer ein guter Weg, einen Aspekt eines Menschen so plastisch und greifbar wie möglich zu machen, und der Rest ordnet sich dann hinzu, mehr oder weniger nachhaltig. Das macht ja unseren Beruf aus, alles ist Behauptung. Wenn man als Schauspieler darüber nachdenken muss, ob etwas plausibel ist, dann ist es meistens schon zu spät.

Was war für Sie schauspielerisch interessant an dieser Rolle?

Für mich ist jede Rolle interessant, wenn sie mich näher zu mir selbst führt, mir Ideen, Gedanken und Gefühle gestattet, die neu für mich sind, aber nicht fremd. Ich könnte keine Figur spielen, die ich nicht auch selbst – zumindest ein Stück weit – sein könnte. Es gibt doch viele solche Typen wie den Biegler, Profis vom alten Schlag, nicht korrumpierbar und dennoch Menschen aus Fleisch und Blut. Denen ein Denkmal zu setzen, das fühlt sich richtig an. Lebenserfahrung sollte ja keine Bürde sein, sondern eher das Gegenteil!

Unterschiede zur Realität

Hat der Film Ihre eigene Sichtweise auf Polizeiarbeit und Rechtsprechung verändert?

Zum einen schon, weil die intensive und lange Auseinandersetzung mit dem Thema auf jeden Fall etwas mit einem macht. Auf der anderen Seite ist es so, dass wir uns immer noch im fiktionalen Bereich bewegen und die Unterschiede zur Realität schon gewaltig sind. Das ist nicht schlimm, aber man darf es auf keinen Fall vergessen. Wir wollen spannendes und relevantes Fernsehen machen und damit ein großes Publikum erreichen. Nicht mehr und nicht weniger.

Haben Sie sich mit Ferdinand von Schirach zu dieser Rolle ausgetauscht?

Ja, ich verfolge seine Arbeit schon seit Langem, und umso mehr hat es mich gefreut, dass wir nun zusammengearbeitet haben. Ich finde es gut, eine so große Geschichte auch so wirksam anzugehen, wie wir das versuchen. Die moralischen und gesellschaftlichen Fragen wurden schon von Leuten wie Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch behandelt, auch von Georges Simenon – und sie sind immer noch aktuell.

Führen die Schlagzeilen der schnelllebigen Presse dazu, sich zu rasch eine eigene Meinung zu bilden?

Ja, das ist so. Wir sind wahnsinnig schnell im Be- und Verurteilen, und dann blenden wir alles aus, was unsere einmal gefasste Meinung in Frage stellt. Ich würde daraus die Verpflichtung ableiten, dass man produktiv zweifeln muss und zwar an allem, immer wieder und ganz besonders auch an sich selber.

Kann Kunst Vorurteile abbauen?

Nein, ich glaube nicht, dass Kunst Vorurteile abbauen kann. Sie kann Fragen aufwerfen, Themen setzen oder im besten Fall einen neuen Blick auf die Welt anregen. Wenn die Gesellschaft reif dafür ist, wird sie diese Impulse aufnehmen und sich weiterentwickeln. Künstler neigen dazu, sich zu überschätzen, das geht auch in Ordnung, denn sonst würden sie kaum sichtbar werden. Aber ändern muss sich die ganze Gesellschaft – und das fängt bei jedem Einzelnen an.

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