Hans Zender - Mit den Sinnen denken

Hans Zender - Mit den Sinnen denken

 

Der Komponist, Dirigent und Musikschriftsteller Hans Zender (1936-2019) war 13 Jahre lang Chefdirigent des Radiosinfonieorchesters (RSO) in Saarbrücken - eine Zeit, die die musikalische Szene in Deutschland nachhaltig beeinflusst hat.

Sendung: Fronleichnam 11.06.2020 18.45 Uhr

Das gilt ganz besonders von der mit dem Ensemble Modern begründeten Konzertreihe "Happy New Ears". Als Komponist kann Hans Zender auf ein umfangreiches Werk zurückblicken, das alle Gattungen umfasst. Die schöpferische Auseinandersetzung mit den eigenen europäischen Traditionen verbindet sich seit seiner ersten Orchestertournee nach Japan mit Anregungen aus den fernöstlichen Kulturen. Mit seiner komponierten Interpretation von Schuberts "Winterreise" gelang ihm ein Hit mit mehr als 500 Aufführungen weltweit. Sein Repertoire als Dirigent reicht von J.S. Bach bis zur Moderne. Seine internationale Dirigentenkarriere begann er als jüngster Chef in Bonn. Es folgten Engagements als Generalmusikdirektor an der Oper Kiel und der Hamburgischen Staatsoper.

Höhepunkte seiner Laufbahn

Als Chef des Radiosinfonieorchesters Saarbrücken, ständiger Gastdirigent am Théâtre de la Monnaie in Brüssel und beim SWR Sinfonieorchester Baden-Baden trat er erfolgreich für die zeitgenössische Musik ein. Zender hatte sich 2010 aus dem aktiven Berufsleben zurückgezogen und lebte mit seiner Frau Gertrud Zender in Meersburg am Bodensee im historischen, sagenumrankten "Glaserhäusle" oberhalb der Weinberge mit Blick auf See und Alpen.

2018 gelang es dem Autor Max Nyffeler und dem Filmemacher Reiner E. Moritz, Hans Zender, der damals schon gesundheitlich angegriffen war, zu einer Rückschau über seine lange und erfolgreiche Kariere zu bewegen. Über mehrere Tage erinnerte sich Hans Zender an Höhepunkte seiner Laufbahn, interpretierte ein Rollbild aus seiner wertvollen Sammlung japanischer Kalligraphien und beklagte, dass "unsere Schulbildung, ausschließlich an wissenschaftlichem Positivismus und wirtschaftlichem Nutzdenken orientiert, sich als unfähig erweist, eine Aufgabe zu übernehmen, welche in den älteren Generationen noch die bürgerliche Familie erfüllt hat: große Musik als zentrales Phänomen des schöpferischen Menschengeistes ehrfurchtsvoll zu pflegen".

Werdegang des Komponisten und Dirigenten

Der Saarländische Rundfunk und der SWR stellten ihre reichhaltigen Archive gegen Senderechte zur Verfügung, Klangforum Wien und Ensemble Modern steuerten kostenlos Material bei, so dass der Werdegang des Komponisten und Dirigenten ziemlich lückenlos dokumentiert werden konnte. Komponist und Freund Helmut Lachenmann sorgte für einige Kontrapunkte zu Zenders Ausführungen während sein Kompositionsschüler Frank Gerhardt Zenders Suche nach einem reinen Klang erklärte und auf dem eigens für Hans Zender gebauten mikrotonalen Klavier demonstrierte.

So entstand ein Dokumentarfilm reich an Musik von Mozart bis Messiaen, der u. a. auch Einblick in den Schaffensprozess eines Komponisten gewährt. Aber ohne die Förderung der Ernst von Siemens Musikstiftung wäre dieses Projekt nicht zu einem guten Ende gekommen, denn es fehlte das Geld für zusätzliches Archivmaterial, Schnitt, Mischung und Endbearbeitung. Seine Reflexionen über Musik und Musikleben sind gesammelt in dem 2004 erschienenen Buch "Die Sinne denken". Noch im Oktober 2019 legte er als philosophische Schlußbilanz, schon mit dem Blick des Abschiednehmenden, einen Essayband mit dem Titel "Mehrstimmiges Denken" vor.

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