Kinder des Krieges 1944/45 (Foto: SR)

Kinder des Krieges - Deutschland 1945

Ein Film von Jan N. Lorenzen  

Im Mai vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Noch leben Angehörige der Generation, die den Krieg miterlebten. Noch leben die letzten Zeitzeugen, die in Bombenkellern saßen, zum Volkssturm eingezogen wurden, mit ihren Eltern vor der näher rückenden Front flohen. Das multimediale ARD-Projekt „Kinder des Krieges“ erzählt das Schlüsseljahr 1945 aus der Sicht der Kinder.

Sendung: Montag 04.05.2020 20.15 Uhr, im Ersten

In der ARD Mediathek
Kinder des Krieges
Die Dokumentation können Sie in der ARD Mediathek anschauen.

Noch Wochen nach dem 8. Mai 1945 habe er sich in Panik auf die Erde geworfen, wenn irgendwo am Himmel ein Flugzeug erschien, berichtet Paul Diefenbach (damals 7 Jahre alt) aus Köln. Bis heute würde er davon träumen, dass der im Krieg vermisste Vater wieder in der Tür erscheint, erzählt Alois Schneider (12) aus dem Saarland. Als sie die ersten Bilder aus den KZs zu sehen bekam, habe sie sich ihrer BDM-Uniform geschämt und später begonnen, Geschichte zu studieren, erzählt Elfie Walther (17) aus Delmenhorst.

Was prägt unser Bild vom Jahr 1945?

Noch ist es nicht zu spät, Fragen zu stellen. Noch leben die letzten Angehörigen der Generation, die zu jung war, um Schuld auf sich geladen zu haben, die aber alles miterlebte. Zeitzeugen des Jahres 1945 und ihre Erinnerungen stehen im Zentrum des multimedialen ARD-Projektes „Kinder des Krieges“. Ihre Aussagen machen deutlich: Unser Bild vom Jahr 1945 ist rückblickend geschönt.

Geschönt von der Vorstellung des nahen Kriegsendes. Geschönt von der Vorstellung, dass am 8. Mai 1945 aller Schrecken endet. Aus Sicht derjenigen, die damals Kinder waren, stellt sich das Jahr 1945 anders dar: Zwar ist das Ende des Krieges bereits im Januar 1945 absehbar, doch niemand kann sicher sein, dieses Ende auch zu erleben.

Fast alle der für diesen Film interviewten Personen haben in diesem Jahr 1945 traumatische Erfahrungen gemacht: Sie haben Hinrichtungen und Selbstmorde mitangesehen, Bombenangriffe erlebt und Vergewaltigungen ertragen. Sie drohten zu verhungern. Sie haben beim Spielen in Ruinen mit Blindgängern gespielt und dabei ihr Leben riskiert. Sie haben gesehen, wie ihre Eltern sich der Parteiabzeichen, der Hitler-Bilder, der Hakenkreuzwimpel und Fahnen entledigten. Sie wurden vorgeschickt, um die ersten alliierten Soldaten zu begrüßen, während die Eltern ängstlich hinter den Gardinen lauerten.

Viele schwiegen, um zu vergessen

Alois Schneider ("Kinder des Krieges"): "Wir Kinder waren gewöhnt, mit dem Krieg umzugehen."
Video [04.05.2020, Länge: 02:12 Min.]
Alois Schneider ("Kinder des Krieges"): "Wir Kinder waren gewöhnt, mit dem Krieg umzugehen."

Zusammen mit ihren Eltern wurden sie durch die befreiten Konzentrationslager geschleust, um zu erkennen, welche Verbrechen in den Jahren des Nationalsozialismus geschehen waren. Nach dem Krieg haben viele über das Erlebte geschwiegen, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Es sind unsere Mütter und Väter, unsere Großmütter und Großväter.

Das ganze Saarland war ein Minenfeld, kann man sagen. Überall hat Munition gelegen. Und wir Kinder wir waren ja gewöhnt mit dem Krieg umzugehen. Wir Jungs haben die Granaten so auf das Gleis geklopft, umgedreht, nochmal geklopft, dass man das Geschoss rausholen konnte. Ich habe scheinbar einen Fehler gemacht. Und es hat mir dann das rechte Bein kaputtgerissen, schwer verwundet, die ganze Wade entfleischt, die rechte Hand ab. Ich hab versucht, die Hauptschlagader mit der verletzten linken Hand abzudrücken.
Alois Schneider ("Kinder des Krieges"): "Das ganze Saarland war ein Minenfeld, kann man sagen."
Video [29.04.2020, Länge: 02:05 Min.]
Alois Schneider ("Kinder des Krieges"): "Das ganze Saarland war ein Minenfeld, kann man sagen."

Am 20. Juni 1945 spielt der 12-jährige Alois Schneider aus dem Saarland mit Kriegsmunition. Er will die Geschosse aus Handgranaten entfernen – dabei explodiert eine der Granaten und verletzt Alois schwer. Mit den Folgen des Unfalls lebt er bis heute in seiner Heimatstadt Griesborn. Bei den Paralympischen Spielen in Barcelona 1992 holte er zweimal die Goldmedaille - im Schießen.

Die Dokumentation ist bereits jetzt in der ARD Mediathek abrufbar und nach der Ausstrahlung ein Jahr lang verfügbar.

Ein multimediales Projekt der ARD

Auf allen Kanälen: im Fernsehen, im Hörfunk, im Netz, in der Audiothek und in der Mediathek der ARD.


Interview mit Jochen Marmit
"Eine völlig neue Perspektive"
75 Jahre nach Kriegsende hat die ARD in "Kinder des Krieges" deutschlandweit Erinnerungen der Kriegskinder-Generation gesammelt. Eine Auswahl von Filmen und Hörstücken aus den alliierten Besatzungszonen aus den Jahren 1945 und 1946 ermöglicht sehr authentische und besondere Einblicke in die Lebensumstände der "Kinder des Krieges".


Dossier
Multimedia-Projekt: "Kinder des Krieges"
Hier finden Sie alle Beiträge zum Multimedia-Projekt "Kinder des Krieges" im Überblick.

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