Reisen in ferne Welten – Tokio. Kawaii-Monster-Cafe in Shibuya (Foto: SWR/SR)

Touristische Informationen

In Tokio leben rund 13 Millionen Menschen. Mit dem Einzugsgebiet rund um Tokio sind es sogar über 37 Millionen - das ist Weltspitze. Viele Menschen auf einer vergleichsweise kleinen Fläche – Tokio ist nur zweieinhalb Mal so groß wie Berlin. Trotzdem landet die Stadt bei Umfragen zu den lebenswertesten Städten der Welt  immer wieder auf den vorderen Plätzen. Doch ist Tokio auch für Touristen interessant? Gibt es genug zu sehen? Zu entdecken? Zu schmecken? Können sich Touristen hier sicher fühlen?  Die meisten besuchen die japanische Hauptstadt nur für ein oder zwei Tage, dann reisen sie weiter durch das Land. Die Attraktionen der Mega-Metropole offenbaren sich jedoch nicht auf die Schnelle.

Essen

Tokio hat den Ruf ein teures Pflaster zu sein, besonders in punkto Essen. Das ist ein Vorurteil aus längst vergangenen Zeiten. Die Preise in den Restaurants sind vergleichbar mit denen deutscher Großstädte. Sushi-Fans fühlen sich hier besonders wohl, denn die rohen Fischhäppchen sind halb so teuer wie in Deutschland, dazu noch viel variantenreicher. Richtig günstig sind Sushi-Fast-Food-Restaurants. Jeder Sitzplatz hat seinen eigenen Computerbildschirm. Einfach auf die Sushi-Variante seiner Wahl tippen, und kurz darauf kommen die Häppchen angeschwebt - immer zum richtigen Platz. Bezahlt wird am Ausgang.

Das Lieblingsessen der Tokioter ist jedoch nicht Sushi, sondern Ramen. Diese japanische Nudelsuppe gibt’s fast an jeder Ecke. Und im Keller des Bahnhofs Tokio-Station ist ihr sogar eine ganze Straße gewidmet. Ein Restaurant neben dem anderen, in denen die Japaner alle möglichen Varianten ihrer geliebten Suppe schlürfen können - von früh morgens bis spät in der Nacht. Jedes Restaurant hat seine eigene Rezeptur. Die Grundlage bilden meist Schweineknochen oder Fischstücken, die acht Stunden lang gekocht werden. Kurz vor dem Servieren kommt noch Gemüse hinein - Frühlingszwiebeln, Bambussprossen und Seetang. Dazu ein paar Scheiben Schweinebraten, ein eingelegtes Ei und gekochte Nudeln. Rund sechs Euro kostet so ein Sattmacher.

Viele Restaurants werben in ihren Schaufenstern mit den Gerichten, die sie servieren. Da setzt nichts Schimmel an, denn die Speisen sind aus Plastik. In einer Straße für Küchenartikel gibt es Geschäfte, die solche Plastikgerichte verkaufen. Lauter kleine Kunstwerke, hergestellt in Handarbeit und dementsprechend teuer: Ein komplettes Gericht kostet rund 500 Euro. Diese Art Plastikwerbung gibt es schon seit rund 100 Jahren. Die vorsichtigen Japaner wollen vorher wissen, wie ihr Essen aussieht. Früher waren diese künstlichen Essen nicht aus Kunststoff, sondern aus Wachs. Touristen können in einem Kurs die alte Technik erlernen. In warmem Wasser verwandelt sich der flüssige Wachs zum Beispiel in eine Garnele, gebacken in Tempurateig oder einen filigraner Eisbergsalat.

Verkehr

Tokios Flughafen Haneda ist er einer der größten der Welt – mit 80 Millionen Passagieren pro Jahr. Trotzdem geht es dort verblüffend still zu. Keine Hektik, kein Lärm. Überhaupt mögen die Japaner keinen Krach. Auch in den Zügen muss niemand die Telefonate oder Gespräche anderer mithören.

In Tokio benutzen jeden Tag rund sieben Millionen Menschen die U-Bahn. Auf deren  Pünktlichkeit ist Verlass. Jetzt, nach 10 Uhr, geht es geradezu geruhsam zu. In den Stoßzeiten sieht es anders aus. Doch richtig hektisch wird es selbst dann nicht. Gut zu Fuß sein sollte man auch, denn wer umsteigen will, hat manchmal endlose Wege. 

Auch im Straßenverkehr verhalten sich die Tokioter rücksichtsvoll. Wer über die Straße will, wartet zu unserer Überraschung geduldig auf Grün. Niemand geht bei Rot über die Ampel. Selbst in Shibuya, dem Viertel mit einer der geschäftigsten Straßenkreuzungen der Welt, herrscht kein Chaos.

Shopping

In Tokio hat jede Klientel ihre eigene Shoppingmeile. In Harajuku treffen sich die jungen Leute. In Ginza dagegen kaufen die reichen Tokioter ein – besonders gern westliche Luxuswaren. Selbst die Rentner haben in Sugamo ihre eigene Einkaufsstraße. Sie kommen schon vormittags, dann herrscht hier Hochbetrieb. In Sugamo gibt es einen Laden, der führt nur rote Unterwäsche. Extra für Rentner – Rot soll Glück und Wohlstand bringen. Angeblich ist es sogar medizinisch erwiesen, dass rote Wäsche auf den Körper stimulierend wirkt. Nachts soll man jedoch die Farbe wechseln, denn rot soll dann zu munter machen.

Auch in ruhigen Seitenstraßen kann man ungewöhnliche Geschäfte entdecken. In Ginza verkauft der Laden „Onoya Sohonten“ traditionelle Tabi-Socken. Der Familienbetrieb existiert seit 1770. Heute sind die Schauspieler des Kabuki-Theaters die wichtigsten Kunden.  Gefertigt werden die Socken über dem Laden im ersten Stock - mit deutschen Nähmaschinen. Sie sind fast 100 Jahre alt. 

Gleich um die Ecke liegt der nur 15 qm große Buchladen „Morioka Shoten“, und der hat ein ungewöhnliches Konzept: Es gibt immer nur ein einziges Buch zu kaufen - eine ganze Woche lang. Die Betreiber hatten mal einen herkömmlichen Buchladen. Heute verdienen sie mit der Nur-ein-Buch-Idee genauso viel wie früher. Und setzen ihr Konzept konsequent um: Wenn die Woche vorbei ist, bestellen sie das Buch auch nicht mehr nach.

Die Japaner haben einen Hang zum Minimalismus, auch wenn es um Mode geht.  Der Laden „ffffft Sendagaya“ existiert seit zwei Jahren in einer ehemaligen Garage und hat immer nur samstags geöffnet. Hier gibt es nichts anderes als 30 verschiedene weiße T-Shirts zu kaufen. Der Besitzer Takuya Natsume importiert die T-Shirts aus der ganzen Welt. Die einzige Gemeinsamkeit: rein weiß müssen sie  sein. Meist stehen die Leute vor dem Laden Schlange.

Die Tokioter mögen aber auch die modischen Extreme.  Das „Kawaii Monster Café“ im Viertel Shibuya zelebriert die exzentrischen Modefantasien der jungen Manga-Generation. Im knallbunten Café der niedlichen Monster fühlten wir uns wie im Inneren einer Bonbonschachtel. Eine flimmernde Modemärchenwelt für Teenager und Touristen. Bereitwillig zahlen sie die überteuerten Preise für Essen und Trinken. Einmal in der Stunde steigen Animateure auf ein Karussell und veranstalten eine kleine Show.

Freizeit

„VR Zone Shinjuku“ ist eine moderne Spielhölle auf zwei Etagen. Hier gibt es nichts zu gewinnen außer Erkenntnisse zur eigenen Belastbarkeit. Bei diesen Virtual Reality Games setzen die Spieler 3D-Brillen auf und fühlen sich, als seien sie lebende Akteure in einem Videospiel. Wenn dann noch die Sessel wackeln und die Windmaschine bläst, ist der Spaß perfekt. Besonders Hartgesottene bewegen sich durch ein Horrorszenario.

„Shuudan Koudou“ heißt eine japanische Sportart, die Professor Nobuhiko Kiyohara vor 50 Jahren erfunden hat und noch heute unterrichtet. Shuudan Koudou bedeutet so viel wie: gemeinsame Aktion. In komplexen Formationen marschieren die Teilnehmer mit- und gegeneinander. Dabei geht es nicht um militärischen Pomp, sondern um Dynamik und vor allem um die perfekte Choreographie. Wenn Shuudan Koudou in großen Stadien aufgeführt wird, kommen tausende Zuschauer. Und meist auch das Fernsehen.  

Der Hafen von Tokio hat Tradition. Es ist einer der größten im Pazifischen Ozean. Doch die Tokioter sind bis vor kurzem nicht auf die Idee gekommen, dass der Pazifik vor ihrer Haustür auch ein schöner Ort fürs Wochenende sein könnte. Mittlerweile hat die Stadt sogar einen Strand aufgeschüttet. Ausflugsdampfer fahren nach Odaiba - eine Insel, die die Stadtväter vor 40 Jahren dem Meer abgerungen haben. Die Einwohner nahmen das Gebiet aber erst an, als in den 1990er Jahren nochmal kräftig investiert wurde - in eine bessere Verkehrsanbindung und in ein großes Shoppingcenter. Heute ist die Bucht von Odaiba ein beliebtes Ausflugsziel.

Natur

Den Hang der Japaner zu Ordnung und Sauberkeit zeigt sich auch in den tipptopp gepflegten Grünanlagen, die das Stadtbild auflockern. Grüne Oasen zum Entspannen und Meditieren. Im Schatten der Hochhäuser hat die Stadt über 50 Gärten und Parks eingerichtet.  Dazu zählt unter anderem auch der große Garten des japanischen Kaisers, den jedermann besuchen darf. Als einer der beliebtesten Parks in Tokio gilt der Hamarikyu Garten. Ein ehemaliges Jagdgebiet der Kaiserfamilie, die es vor rund 370 Jahren zu einem Garten umgestalten ließ. Erst seit 1946 steht er allen Tokiotern offen.  Wer im Hamarikyu Garten die perfekt manikürten Bäume bewundern will, muss Eintritt zahlen – wie in vielen anderen Parks auch.

Im Westen Tokios, am Rand der Stadt, bringt eine Standseilbahn Wanderer hinauf zum Takao, einem 599 Meter hohen Berg, der zu Tokio gehört. Die Seilbahn erspart den Ausflüglern die halbe Strecke. Zu Fuß geht es dann noch eine gute Stunde bergauf. Hier oben ist die Stadt ganz weit weg. Hinter dem Takao beginnt der Chichibu Tama Kai National Park, ein über 1200 Quadratkilometer großes Paradies für Wanderer. Der Takao gilt als heiliger Berg. Auf dem Weg zur Spitze liegt mitten im Wald eine buddhistische Tempelanlage. Circa die Hälfte aller Japaner sind Buddhisten, ebenso viele sind Anhänger des Shintoismus. Andere Religionen spielen kaum eine Rolle. Zum Christentum zum Beispiel bekennt sich nur ein Prozent der Japaner. An klaren Tagen sieht man in der Ferne sogar den Fuji, mit seinen über 3.700 Metern der höchste Berg Japans. Auf dem Takao gibt es übrigens keine Mülleimer - wie auch sonst nirgendwo in Tokio. Trotzdem liegt kein Dreck herum. Die Japaner respektieren ihre Umwelt und nehmen ihren Müll mit nach Hause.

Wohnen

Für Touristen ist es schwierig, Tokioter näher kennenzulernen. Erstaunlich: Nur wenige sprechen eine Fremdsprache. Eine weitere Hürde ist die typisch japanische Zurückhaltung. Selbst die Japaner untereinander laden sich nur höchst selten nach Hause ein. Doch es gibt Tokioter, die freuen sich auf den Kontakt zu Touristen. Sie machen mit bei Nagomi Visit. Dieser gemeinnützige Verein vermittelt Familien, die Touristen nach Hause einladen möchten. Touristen wählen auf der Internetseite von Nagomi Visit (https://www.nagomivisit.com) im Vorfeld eine Familie aus und überweisen circa 26 Euro pro Person fürs Essen. Dafür erleben sie japanische Gastfreundschaft und Menschen, die sich gern auf Englisch unterhalten möchten. Über 700 Familien in ganz Japan beteiligen sich an diesem Kulturaustausch.

Die Tokioter arbeiten sehr viel. Ein Zwölf-Stunden-Tag ist keine Seltenheit. Da die Mieten in der Stadt hoch sind, wohnen viele außerhalb Tokios. Der Heimweg dauert dann schon mal zwei oder drei Stunden. Für solche Workaholics gibt es die Bar namens „Bed and Book“. Hier können die Gäste nach Feierabend trinken, Bücher lesen und es sich gemütlich machen. Abends bietet „Bed and Book“ einen weiteren Service - die Gäste können eine Runde schlafen. Oder die ganze Nacht bleiben – in Schlafkabinen hinter den Regalen. Sie sind zwei Meter lang und einen Meter breit,  in ihnen schläft man ruhig und günstig – für 25 bis 40 Euro pro Nacht. Nicht nur überarbeitete Tokioter machen hier Station, sondern auch viele Rucksacktouristen.

Sicherheit

Im Polizeimuseum lernen schon die ganz Kleinen, dass Polizisten Freunde und Helfer sind.  Auch die großen Japaner haben ein positives Verhältnis zu ihrer Polizei. Selbst in einer Mega-Metropole wie Tokio fühlen sich die Menschen extrem sicher. Das ist nicht nur ein Verdienst der Uniformierten. Japaner verhalten sich generell nur selten aggressiv. Dieses Sicherheitsgefühl ist vermutlich auch ein Grund, warum immer mehr Touristen Tokio besuchen. Die Gefahr, Opfer eines Verbrechens zu werden, ist sehr gering.

Natürlich ist Tokio nicht völlig frei von Kriminalität. Das Vergnügungsviertel Kabuckicho gilt als eine der gefährlichsten Ecken Japans. Noch vor 20 Jahren lieferten sich hier ausländische Gangsterbanden und die japanische Mafia Yakuza Straßenkämpfe. Seit zehn Jahren verändert sich die Gegend: Bordelle schließen, auch der Einfluss der Yakuza geht zurück. Seit acht Jahren patrouilliert in Kabuckicho eine freiwillige Bürgerwehr. Geschäftsleute aus dem Viertel passen in ihrer Freizeit auf, dass hier alles mit rechten Dingen zugeht.

Heute sind in Kabuckicho überall Überwachungskameras und Lautsprecher angebracht. Aus ihnen ertönen alle paar Minuten warnende Worte: „Bitte gehen Sie mit niemanden in ein Lokal, auch wenn man sie dazu auffordert. Es kann passieren, dass sie unzulässig hohe Preise bezahlen. Wir meinen es ernst. Nehmen sie sich in Acht vor unehrlichen, heimtückischen Straßenverkäufern!“

Nachtleben

Kabuckichos‘ Straßen sind ein Ort auch für Frauen. Sie sind sogar zur wichtigsten Zielgruppe geworden. In den zahlreichen so genannten Host Clubs können sie sich einen Mann mieten - stundenweise. Doch nicht etwa für Sex, sondern nur, um sich gepflegt zu unterhalten. Mehr läuft in der Regel nicht. Auf großen Leuchtreklamen auf den Straßen bieten die jungen Männer ihre Dienste an. Ihre Kundinnen sind oft alleinstehende Frauen, die der Arbeit wegen nach Tokio gezogen sind. Sie haben es schwer, Kontakte zu knüpfen und freuen sich über ein bisschen Aufmerksamkeit - selbst wenn sie erkauft ist. Es gibt auch Host Clubs mit weiblichen Animateuren. Dieses Gewerbe hat in Japan Tradition. Genau genommen sind die bezahlten Unterhalter moderne Geishas.

Die roten Laternen zeigen den Weg zum nächsten Izakaya. Übersetzt heißt das so viel wie „eine Kneipe, in der man sitzen kann“. In jeder der Kneipen gibt es auch kleine Häppchen zu essen, damit der Alkohol nicht gleich zu Kopf steigt. Für viele Tokioter gehört der Besuch in solch einem Lokal zum Feierabendritual. Izakaya ist mehr als nur eine Kneipe, es ist ein Lebensgefühl. 

Etwas außerhalb liegt der Kneipenkiez Harmonica Alley mit seinen vielen kleinen Kneipen. Hierher verirren sich nur selten Touristen. Doch selbst mitten im Stadtzentrum existiert solch ein leicht angeranztes Izakaya-Viertel. Im Golden Gai warteten früher Prostituierte auf Kundschaft. Heute gibt es in den Gassen über 200 Kneipen. Viele sind so winzig, dass nur eine Handvoll Gäste reinpasst. Wenn nach Feierabend die Stammgäste kommen, warten schon ihre Schnapsflaschen mit ihrem Namen auf sie. Das große Tokio wird hier ganz klein. Doch auch Touristen finden im Golden Gai immer einen leeren Barhocker.


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