Danzig, da will ich hin!

Danzig, da will ich hin!

 

Danzig kennen die meisten von uns nur aus dem Schulunterricht; „Die Blechtrommel“ von Grass, der Beginn des Zweiten Weltkriegs, die Solidarnosc-Bewegung… mehr verbindet auch Moderatorin Simin Sadeghi nicht mit diesem Ort. Deshalb lässt sie sich das junge, moderne Danzig von einem „Einheimischen“ zeigen, dem Touristenführer und Künstler Andreas Kasperski.

Sendung: Samstag 20.10.2018 17.00 Uhr

Spannend sind die Kontraste, die Simin kennenlernt. Die nach historischen Vorbildern wieder aufgebauten Kaufmannshäuser der Rechtstadt einerseits und die futuristische Architektur des Weltkriegsmuseums zum andern. Die „Bar Neptun“ auf der Prachtstraße Langgasse mit ihrem Charme einer sozialistischen Kantine; um die Ecke in der Frauengasse dann Kaffeespezialitäten im hippen Café Drukania.

Ganz verschiedene Seiten der Stadt entdeckt Simin bei einer Kajak-Tour auf der Mottlau. Vom Krantor, einem Wahrzeichen der Stadt, geht es an der Speicherinsel vorbei, die gerade neu bebaut und belebt wird, durch eine alte Steinschleuse hinaus in eine kaum berührte Naturlandschaft – nur Minuten von der Rechtstadt entfernt.

Weniger überraschend, aber unbedingt besuchens- und diskutierenswert ist das neue Museum des Zweiten Weltkriegs. Initiiert von dem Europa zugewandten Donald Tusk, wurde das Konzept der Ausstellung zum Politikum und den Vertretern der konservativen Regierung zum Ärgernis.

Dass Danzig, im Gegensatz zu anderen, konservativ-nationalistischen Regionen Polens, Toleranz, Vielfalt und Offenheit nicht nur propagiert, sondern auch lebt, sieht Simin bei der Parade zum Cristopher Street-Day und der anschließenden Party auf dem Danziger Werftgelände.

Impressionen aus Danzig

Geschichtlicher Hintergrund

Seit der „Wende“ entwickelt sich Danzig immer mehr zu einer toleranten, weltoffenen, Europa zugewandten Stadt. Ihr Bürgermeister, Pawel Adamowicz, liegt im Dauerclinch mit der nationalistisch-konservativen Regierung; er betreibt als einziger in Polen eine offizielle Integrationspolitik und setzt sich auch für die Rechte von Schwulen und Lesben ein. Beim Christopher Street Day (ja, der wird in Danzig gefeiert!) geht Adamowicz vorneweg.

Danzig ist also nicht nur eine Stadt mit einer spannenden Vergangenheit, die vielleicht eher Ältere interessieren wird; es bietet auch jüngeren Besuchern Entdeckungen in einer lockeren, toleranten Atmosphäre und weltstädtisches Flair.

Das „alte Danzig“, die sog. Rechtstadt, war nach dem Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört. Die prächtigen Patrizierhäuser in der Langgasse oder der Frauengasse sind in den späten 1940er und frühen 50er Jahren mit großem Aufwand nach historischen Vorbildern wieder aufgebaut worden. Zumindest die Fassaden. Dahinter verbergen sich in der Regel kleinere Wohneinheiten. Dass „etwas nicht stimmt“, übersieht man leicht; bis man feststellt, dass es beispielsweise für drei scheinbar getrennte Häuser nur eine Haustür gibt. Trotzdem ist der Eindruck beim Bummel durch diese Prachtstraßen überwältigend. Ebenso beeindruckend ist eine Tour mit dem Boot oder Kajak auf der Mottlau. Nicht nur die berühmte Uferpromenade mit dem Krantor, einem Wahrzeichen der Stadt, sieht man dabei aus einer ungewohnten Perspektive, auch andere Stadtteile wie Speicherinsel, Niederstadt und die Naturlandschaft jenseits der alten Steinschleuse vermitteln neue Eindrücke und komplettieren das Bild von Danzig.

Touristische Informationen

Ausflugsziele

Mittlerweile eröffnen auch immer mehr Künstlerkneipen, Restaurants und Cafés nach westlichem Vorbild. Daneben findet man – bei genauem Hinsehen – aber auch noch spannende Erinnerungen an die sozialistische Ära, Nostalgie-Kneipen, Milchbars usw. Im Folgenden haben wir einige Tipps zusammengestellt.

Hagelsberg

Einen guten Überblick über Stadt und Werft hat man vom Hagelsberg aus, nordwestlich der Altstadt. Der Berg mit seinen Kasematten war vier Jahrhunderte lang Festung. Dieser Teil der Stadtgeschichte ist in frei zugänglichen Ausstellungen in den Kasematten zu sehen.

Bernsteinmuseum

Stadtgeschichte kombiniert mit einem guten Blick über die Langgasse bietet auch der Stockturm. In diesem mittelalterlichen Turm ist (derzeit noch) das Bernsteinmuseum untergebracht. Ja, Danzig gilt als Hauptstadt des Ostsee-Bernsteins. Verkaufsstände findet man in den Straßen der Rechtstadt auf Schritt und Tritt. Hochwertigen Bernstein-Schmuckgibt es auch in der Galeria Styl, unmittelbar neben dem Krantor. Hier arbeitet der im Film vorgestellte Bernstein-Meister Zbigniew Strzelczyk. 

Museum des Zweiten Weltkriegs

Ganz modern, neu – und umstritten – ist das Museum des Zweiten Weltkriegs. Initiiert von Donald Tusk sollte dieses Museum Hilfe beim Einordnen und Begreifen dieser entsetzlichen Epoche geben, nicht Schuld zuweisen, nicht vereinfach und schwarz-weiß zeichnen. Das passte der konservativen polnischen Führung nicht. Der Direktor des Museums wurde durch einen linientreuen Mann ersetzt, das Konzept der Ausstellung so verändert, dass keine Zweifel am nationalen Heldentum bestehen. Besonders fragwürdig ist ein extra für die Ausstellung produzierter Animationsfilm; er darf wohl als Propaganda im Comic-Kleid bezeichnet werden. Dennoch finden wir die Ausstellung sehenswert, zumindest die Teile, die sich mit den Gräueln von Vertreibung und Vernichtung befassen. Ein kritischer Blick auf das Gesamtwerk  bleibt aber angebracht. 

Europäisches Zentrum der Solidarnosc

Mit dem Schicksal der Stadt Danzig und des gesamten kommunistischen Ostens eng verbunden ist die Solidarnosc-Bewegung. An die blutige Niederschlagung des Arbeiteraufstands auf der Werft 1970 und die Erfolgsgeschichte der Solidarnosc erinnern Ausstellungen im Europäischen Zentrum der Solidarnosc auf dem Werftgelände.

Marienkirche

Das Wahrzeichen der Stadt (abgesehen vom Krantor) ist die angeblich größte Backsteinkirche der Welt, die Marienkirche (Grundfläche: 105 x 66m). Auch der Aufstieg auf den wuchtigen Kirchturm lohnt; allerdings sind dazu 402 Stufen zu bewältigen.


Einkaufen und Gastronomie

Altstädter Markthalle

Shopping und Geschichte verbindet in einmaliger Weise die Altstädter Markthalle am Dominikanerplatz. Sie ist Ende des 19. Jahrhunderts über den sichtbaren (!) Fundamenten eines romanischen Klosterbaus errichtet worden und bietet vielen kleinen Läden Raum, die man in den wiederaufgebauten Straßenzügen der Rechtstadt eher vergeblich sucht.

Café „Drukarnia“

Nur zwei Minuten von der Marienkirche, in der Frauengasse 36, gibt es den besten Kaffee in Danzig. In den Räumen der ehemaligen Druckerei der „Danziger Zeitung“ haben junge Leute das Café „Drukarnia“ eröffnet. Kaffeespezialitäten, selbstgebackene Kuchen und Torten, leckere Sandwiches – ein absolut hippes Lokal. Unser Tipp für die Besichtigungspause.

„Bar Neptun“

Ein starker Kontrast dazu – aber ebenfalls empfehlenswert – ist die „Bar Neptun“ in der Langgasse 33. Keine Cocktail-Bar, sondern eine ehemalige sozialistische Milchbar, also eine Art Arbeiter-Kantine, mit deftigen polnischen Gerichten. Warme Speisen für kleines Geld!

Retro-Bar „No to cyk“

(N)Ostalgie bietet auch die Retro-Bar „No to cyk“ in der Brotbänkengasse 2. Günstige Getränke, Ramsch aus den 60er und 70er Jahren, dazu WLAN – vor allem beim jüngeren Publikum sehr beliebt.

Speiselokale

Weitere empfehlenswerte Speiselokale: das „pomelo“ in der Hundegasse (Ulica Ogarna) 121. Und das polnisch-litauische „Familia Bistro“ (Ulica Garbary 2); hier gibt es die besten Piroggen, außerdem auf der Karte: Weine aus Georgien. Sehr lecker.

Ein Danziger Traditionshaus ist das Restaurant „Zum Lachs“ (Ulica Szeroka 52). In diesem Haus „erfand“ ein holländischer Mennonit namens Ambrosius Vermoolen 1598 das heute berühmte „Danziger Goldwasser“, einen 40%igen Kräuterlikör mit echten Goldplättchen. Die „goldene Kraft“ kann vor Ort getestet werden.

Sommergästen sei noch eine letzte Danziger „Tradition“ empfohlen: die Eisdiele „Mis“(Ulica  Sukiennicza 18) in der Altstadt. Seit 1962 wird hier Speiseeis nach eigenem Rezept hergestellt. Geöffnet nur von April bis September.

Ostseebad Zoppot

Die letzte Station unseres Films ist das Ostseebad Zoppot. Es ist eins der beliebtesten Ausflugsziele nicht nur der Danziger (die S-Bahn braucht vom Hauptbahnhof Danzig gerade mal 20 Minuten), sondern aller Polen. Entsprechendes Gedränge kann an sonnigen Tagen in der Stadt und am Strand herrschen. Zoppot hat einen Ruf als Heilbad, aber auch als Partymeile mit Nachtleben. Sehenswert ist neben dem vornehmen Viertel mit seinen Bädervillen auch der hölzerne Seesteg, der 500m weit in die Danziger Bucht hinein ragt.