Nachspielzeit (Foto: Filmproduktion)

Nachspielzeit

Zwei Herzen - Eine Rezension von Lisa Tüch  

Regisseur Andreas Pieper greift mit „Nachspielzeit“ brandaktuelle Themen wie Ausländerhass und Jugendkriminalität auf. Schwere Kost – sicher nichts für einen lustigen Kinoabend mit Popcorn-knabbernden Freunden, sondern ein Film zum Nachdenken.

Berlin-Neukölln. Cems (Mehmet Atesci) Heimat, aber auch Herd vieler Probleme. Trotzdem bemüht sich Cem darum, ein gutes Leben zu führen. Als Bundesfreiwilligender-Dienstler arbeitet er in einem Altersheim; in seiner Freizeit spielt er Fußball. Alles ganz normal. Wären da nicht all diese Steine, die seinem Glück im Weg liegen: Mietpreiserhöhung, Ausländerfeindlichkeit, Gewalt. Cem will sich wehren. Dabei überquert er mehr als einmal die Grenze der Legalität. Als Roman und Calli in sein Leben treten, geht es plötzlich um Leben, Tod und Rache.

„Nachspielzeit“ ist ein sozialkritisches Drama. Schonungslos zeigt der Film die Probleme der Gesellschaft und besonders der jungen Menschen in Berlin-Neukölln auf: Ausländerhass, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Gewalt. Der Film zeigt, wie die Menschen mit ihrem Schicksal umgehen. Sich wie Cems Vater den Umständen ergeben oder wie Cem kämpfen; wie Romans Vater dem Alkohol und Chaos verfallen oder wie Roman seiner Wut mit Gewalt Luft machen. Der Kern des Films ist aber ein anderer: Die Gefühlslage von Jugendlichen. Ihre Ausgangslage durch das Elternhaus und was sie daraus machen. In Cem und Romans Fall eben nicht viel.

Lieblingszitat: Regeln sind eher wie Kochrezepte. Man muss sich jetzt nicht sklavisch dran halten, sondern abschmecken und verfeinern. (Cem)

Beginn mit Paukenschlag

Trotz des ernsten Themas gelingt Regisseur Pieper eine gewisse, vermutlich ungewollte, Komik. Denn ein Bewohner des Heims, in dem Cem arbeitet, kommentiert alles mit solcher Verbitterung und Negativität, dass es schon beinahe wieder lustig ist: „Was bleibt denn außer Dreck und Scheiße, wenn man stirbt?“. Horst Westphal spielt den verhärmten, alten Mann sehr überzeugend.

„Nachspielzeit“ beginnt passend zum brisanten, hochaktuellen Thema rasant: Mehrere Männer sind dabei einen anderen Mann zu schlagen. Die Szene ist aus der Hand gefilmt. Für den Zuschauer fühlt es sich so an, als sei er Teil der Gruppe. Plötzlich: Schwarze Leinwand. Die Neugier der Zuschauer sollte jetzt geweckt sein.

Doch die Neugierde wird nicht so schnell gestillt. Enttäuschenderweise läuft der Film nach der ersten Szene sehr schleppend an. Wenig Dialoge, viele stille Szenen. Dem Zuschauer wird die Geschichte nicht auf dem Silbertablett serviert, er nimmt zunächst die Rolle des stillen Beobachters ein. Nur langsam löst sich das Rätsel hinter der Einstiegsszene. Puzzleteil für Puzzleteil fügt sich zusammen und enthüllt einen Teufelskreis aus Verzweiflung, Aggressivität und Leid mit überraschendem Ende. Ein Film zum Nachdenken.

Regie: Andreas Pieper
Produktion: Lichtblick Media GmbH
Darsteller: Mehmet Atesci, Friederike Becht, Frederick Lau, Jacob Matschenz, Aleksandar Tesla, Horst Westphal, Uwe Preuss u. a.
Deutschland 2014 | DCP | Farbe | 87 Min. | Dt., Türk., Serbo-Kroat. mit dt. UT | Uraufführung

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