Restaurant  (Foto: pixabay/neshom)

Das Imms

Michael Friemel   13.11.2017 | 10:40 Uhr

Wo stehen mit Frischwurst belegte Brötchenhälften direkt neben runden Kuchenplatten, auf denen wechselweise Käse- und Streuselkuchenstückchen angeordnet sind? Wo hält die Bedienung des Dorfgasthauses zwei Cromargankaffeekannen gleichzeitig im Arm und fragt uns über die Schulter: „Mit oder ohne Koffein?“ Wo liegt dazu der Mottenkugel-Duft der aus dem Schrank hervorgeholten dunklen Anzüge bleiern in der Luft? Auf dem „Imms“, zu hochdeutsch beim „Leichenschmaus.“

So traurig die Situation zu Anfang meist ist – sie erfüllt ihren Zweck; das Sich-lösen, das Aufbrechen der Isolation in der eigenen Trauer.

Wenn die ersten Tassen Kaffee getrunken sind, der erste männliche Trauergast sich wagt, mal ein frisches Bier zu bestellen, und an der Kaffeetafel zaghaft Krawattenknoten gelockert werden, dann fällt die Anspannung von den Angehörigen langsam ab. Man blickt in Gesichter von Menschen, die man teils jahrelang nicht mehr gesehen hat – eben seit der letzten größeren  Beerdigung.

Die Familie ist kompletter, als sie es je bei einer Geburtstagsfeier war, Anekdoten werden erzählt, die ersten schüchternen Lacher bahnen sich ihren Weg in die Runde und die vorangegangene Beisetzung wird im Lichte der abfallenden Anspannung nachbesprochen:

Warum ist Nachbar Müller nicht zur Kommunion gegangen – hat der etwa gesündigt? Wer war die Frau mit der dunklen Sonnenbrille am Grab, und was hat den Schwiegersohn dazu bewogen, in einer hinteren Grabreihe zu verweilen, und sich nicht zum engsten Familienkreis zu gesellen?

Gab es da vielleicht Ballawer in der Familie, wovon man im Dorf gar nichts wusste?

Wer sind eigentlich Erika und Gerd, die auf der Schleife dieses doch viel zu großen Kranzes Abschied genommen haben. Warum hat der Karl eigentlich einen hellen Anzug angehabt – das schickt sich doch nicht. Warum musste der Männergesangverein denn unbedingt Mitglied für Mitglied einzeln kondolieren, anstatt den Wunsch aus der Todesanzeige zu respektieren?

Und überhaupt die Todesanzeige: Wer war der dritte Name von unten? Gab es da etwa ein Kind, von dem das Dorf bisher nichts wusste? War das vielleicht die Frau mit der dunklen Sonnenbrille gewesen?

Aber jetzt ist ja Gott sei Dank alles vorbei. Jetzt kann man mal in aller Ruhe Kaffee trinken. Es hat ja alles gut geklappt.

Die Leute haben auch alle einen Platz bekommen; nur, das mit Meiers … hätte man die nicht am Grab noch zum Imms einladen sollen?? Oder hätten die das nicht eigentlich auch von sich aus wissen müssen, - man kann ja nicht alle einzeln ansprechen.

Die die da sind haben sich inzwischen umgruppiert, Tische gewechselt und planen rege ein längst überfälliges Cousins- und Cousinentreffen, liegen sich dann beim Abschied lachend in den Armen und versprechen sich hoch und heilig:

„Jetzt warte mir awwer nemmeh bis zur nächschd Beerdigung …“

Michael Friemel


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