Museum Herxheim (Foto: Michael Schneider)

Steinzeitgrusel unterm Weinberg

Der Kultplatz von Herxheim

Michael Schneider  

In der Jungsteinzeit war das pfälzische Herxheim ein Zentrum der Hochkultur, aber auch ein Schauplatz misteriöser Ereignisse. 500 Skelette sind seit den 90er Jahren hier ausgegraben worden. Was genau vor über 7.000 Jahren geschehen ist, versucht das Heimatmuseum im einer außergewöhnlichen Ausstellung nachzuvollziehen.

Herxheim in der Pfalz ist auf den ersten Blick ein angenehm beschaulicher Ort. Schmucke Fachwerkhäuschen, eine friedliche Ortsmitte am Bach, Weingüter und sanft rollendes Hügelland. Nichts deutet daraufhin, dass hier der Schauplatz eines mysteriösen Kriminalfalles liegt. Denn einst soll es in Herxheim ein blutiges Massaker gegeben haben, dessen Hintergründe bis heute nicht völlig geklärt sind. Das Ereignis liegt allerdings auch schon eine Weile zurück.

Blick in die finstere Urzeit

Was hier genau vor über 7.000 Jahren geschehen ist, versucht das Heimatmuseum nachzuvollziehen. Unter dem Dach einer alten Scheune widmet sich eine Ausstellung der örtlichen Landwirtschaft und dem Tabakanbau – im Keller geht es hinab in die finstere Urzeit. Unter schummrigem Licht öffnet sich ein Blick in die Frühgeschichte der Pfälzer: Tonscherben, Steinzeitwerkzeuge und jede Menge menschliche Knochen.

Museum Herxheim (Foto: Michael Schneider)

Über 500 Skelette sind in Herxheim seit den 90er Jahren ausgegraben worden, und diese Steinzeitmenschen sind vermutlich keines natürlichen Todes gestorben. Sauber abgetrennte Gliedmaßen, abgeschabte Knochen und verbrannte Schädel deuten auf ein makabres Ritual hin. Womöglich gab es in Herxheim während der Jungsteinzeit einen ausgeprägten Kannibalismus.

Und das, obwohl hier zu dieser Zeit ein Zentrum der Hochkultur lag. Herxheim war ein Siedlungsplatz der Bandkeramiker, die in ganz Mitteleuropa für ihre kunstvoll verzierten Tongefäße und ihre ausgefeilten Werkzeuge bekannt sind. Verständlich, dass der Ort heute auch stolz auf diese Geschichte ist.

Landhaus rekonstruiert

Neben den grausigen Skeletten zeigt die Ausstellung auch viele Alltagsgegenstände aus dieser Zeit – und lädt Besucher zum Mitmachen ein. Am Ortsrand lässt sich ein rekonstruiertes Langhaus bestaunen, regelmäßig veranstaltet das Museum historische Modeschauen, und im Keller liegen Lederreste und Steinmesser zum Ausprobieren bereit.

Mediathek

[SR 3, Michael Schneider, Länge: 3:49]
Audio: Tour de Kultur: Steinzeitgrusel unterm Weinberg
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Seitdem ganz Herxheim sich in eine große Ausgrabungsstätte verwandelt hat, sind viele Anwohner zu echten Steinzeitexperten geworden. Eine von ihnen, Anne Reichert, bezeichnet sich selbst als „Experimentalarchäologin“. Früher schlappte sie schon einmal in selbstgebastelten Bastsandalen mit Mooseinlage durch den Ort, um deren Tragekomfort zu testen.

Heute führt sie durch die Ausstellung, gibt Einblicke in die Lebenswelt der Bandkeramiker und backt mit Schulklassen Brot im rekonstruierten Steinzeitofen – natürlich nach historischem Rezept und mit Zutaten aus dem museumseigenen Garten. Für sie übt die Geschichte des Ortes eine ganz besondere Faszination aus, die sie gern an Besucher aus ganz Europa weitergibt.

Museum Herxheim (Foto: Michael Schneider)

Die Opfer waren Auswärtige

Und trotzdem – ein bisschen Gänsehaut gehört bei einem Besuch der Ausstellung dazu. Grinsende Totenschädel beobachten das Treiben durch glänzende Vitrinenscheiben, und über allem liegt der Grusel eines merkwürdigen Totenkultes. Merkwürdig auch deshalb, weil die Opfer dieses Kultes Auswärtige waren – keine Bandkeramiker, sondern weniger entwickelte Völker aus dem Bergland. Kampfspuren haben die Archäologen in Herxheim nicht gefunden.

Alles deutet darauf hin, dass hier einst ein grausamer Ritus gepflegt wurde, dessen Ursprünge noch im Dunkel liegen. Wie genau es hier vor sieben Jahrtausenden zugegangen sein mag, das kann sich jeder Besucher also selbst ausmalen.

Michael Schneider


Auf einen Blick


Kontakt
Museum Herxheim
Untere Hauptstraße 153
76 863 Herxheim
Tel. (0 72 76) 50 24 77
Mobil: (0170) 7 94 05 27
E-Mail: gramsch@museum-herxheim.de
www.museum-herxheim.de

Öffnungszeiten
Do. und Fr.: 14.00 - 19.00 Uhr
Sa. und So.: 11.00 - 18.00 Uhr
Di. und Mi.: nach Vereinbarung
Mo. geschlossen
Ostern von Gründonnerstag bis Ostersonntag geöffnet, Ostermontag geschlossen.

Eintritt
Erwachsene: 2,50 Euro
ermäßigt: 1,50 Euro
Familien: 5 Euro
Kinder bis 6 Jahre: frei
Schüler im Klassenverband: 1 Euro pro Schüler
Gruppe (ab 12 Personen): 2 Euro pro Person

Führungen
Erwachsenengruppe: 29 Euro
Schulklassen: 29 Euro
Workshops je nach Thema 5 bis 8 Euro, immer zzgl. Eintritt.
Führungen und Opens internal link in current windowWorkshops nach Vereinbarung.

Anfahrt
Von Saarbrücken über die A 8 bis Pirmasens, von dort entlang der B 10 und A 85 bis Herxheim. Dort der Hauptstraße bis in die Ortsmitte folgen.

Tipps
Die Dauerausstellung zur Opens internal link in current window Steinzeit ist auch für Rollstuhlfahrer zugänglich. Die Dauerausstellung zur Opens internal link in current windowKulturgeschichte umfasst auch eine Medienstation mit Audio- (z.B. Gedichte) und Video-Beiträgen.

Derzeit werden die Zugänge zum Opens internal link in current window Sonderausstellungsbereich und zur Kulturgeschichte umgebaut und mit einem Fahrstuhl und Rampen versehen, so dass auch diese Abteilungen ab der zweiten Jahreshälfte 2016 mit Rollstuhl zugänglich werden.



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