Schüler im Unterricht am Gymnasium (Foto: dpa/Julian Stratenschulte)

Deutlich weniger Gymnasium-Abbrecher

Thomas Braun   20.04.2017 | 06:30 Uhr

Im Landtagswahlkampf war die Debatte über G8 hochgekocht - vor allem der gestiegene Druck auf die Schüler wurde angeprangert. Dennoch ziehen immer weniger Eltern die Reißleine und nehmen ihr Kind vom Gymnasium, wie SR.de vorliegende Zahlen zeigen. Die Zahl der Schulwechsler hat sich in den vergangenen Jahren mehr als halbiert. Über die Gründe gibt es unterschiedliche Meinungen.

370 Schüler wechselten im vergangenen Schuljahr nach Angaben des Bildungsministeriums vom Gymnasium auf eine Gemeinschaftsschule - also jeder 50. Gymnasiast. Vier Jahre zuvor war es noch jeder 20. Schüler. Insbesondere in den Jahren zwischen 2012 und 2014 gab es einen nahezu sprunghaften Rückgang.

Bildungsministerium: Qualitätsverbesserung zeigt Wirkung

Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD) führt die Entwicklung auf die "vielfältigen Qualitätsverbesserungsmaßnahmen" zurück. "Wir legen unser Augenmerk auf die Schul- und Unterrichtsentwicklung und setzen dabei sowohl auf die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler als auch auf die Qualifizierung von Lehrkräften und Schulleitungen", so Commerçon. Als Beispiel nennt das Ministerium auch das Modellprojekt "Fördern statt Sitzenbleiben", dessen Erfahrungen in neue Förderkonzepte eingeflossen seien.

Modellversuch "Fördern statt Sitzenbleiben"

Teilnehmende Gymnasien verzichteten in den Klassen 5 und 6 auf die Entscheidung über eine Versetzung. Stattdessen wurden spezifische Förderkonzepte entwickelt und unter anderem Defizite in zusätzlichen Förderstunden aufgearbeitet.

Dass einzelne Maßnahmen allerdings einen direkten Erfolg zeigen, bezweifelt der Vorsitzende des Saarländischen Philologenverbandes, Marcus Hahn: "Sie werden im Bildungssystem niemals Effekte von einem auf das andere Jahr sehen." Insbesondere den Schulversuch "Fördern statt Sitzenbleiben" sieht er kritisch. "Das Projekt ist nicht ohne Grund ausgelaufen - und nicht, weil es so erfolgreich war", so Hahn.

Lehrerverband: Abiturientenzahl "künstlich erhöht"

Video [aktueller bericht, 20.04.2017, ab 16:20 Min.]
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Tatsächlich aber wurde in den vergangenen Jahren - insbesondere nach der Einführung von G8 - viel an den Gymnasien getan. Die Lehrpläne wurden entrümpelt, die Unterrichtsmethoden modernisiert. "Viele Hürden wurden abgeschafft, die den Schülern im Weg standen", sagt Hahn. Aber nicht jede Entwicklung beurteilt er positiv. "Die Anforderungen wurden schrittweise gesenkt, um die Zahl der Sitzenbleiber zu reduzieren und die Zahl derjenigen, die Abitur bekommen, künstlich zu erhöhen", so Hahn.

Tatsächlich ist nicht nur die Zahl der Schulwechsler stark gesunken - es gibt mittlerweile auch wesentlich weniger Sitzenbleiber als noch vor einigen Jahren. An Gymnasien sank die Zahl der Klassenwiederholer zwischen 2011 und 2015 um 26 Prozent, an anderen weiterführenden Schulen lag der Rückgang bei knapp 60 Prozent oder sogar noch darüber.

Welche Schulform passt zu wem?

Also alles gut im zweigliedrigen Schulsystem des Saarlandes? Hahn glaubt zumindest, dass sich die Debatte über den Druck, dem G8-Schüler ausgesetzt sind oder waren, langsam legen wird. Stattdessen werde es noch mehr darum gehen, Schüler mehr über den für sie richtigen Bildungsweg zu beraten. "Wir müssen wegkommen von dieser Sucht nach dem Abitur", so Hahn. Ob dadurch die Zahl der Schulwechsler wieder ansteigen wird - Hahn hält es durchaus für möglich. Es sei aber auch nicht schlimm. "Wichtig ist: Die Schüler müssen am Ende ihres Bildungsweges etwas in der Hand haben, mit dem sie wirklich was anfangen können."

Über dieses Thema wurde auch in den Hörfunknachrichten vom 20.04.2017 berichtet.

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