Anti-Sexismus-Demonstrantin (Foto: dpa / picture alliance / Christian Charisius)

Zur Sexismus-Debatte

Eine Kolumne von Erik Heinrich

Von Erik Heinrich   14.11.2017 | 08:55 Uhr

"#Metoo": Ich auch. Unter diesem Hashtag kommen seit Wochen widerliche Details ans Licht, die viel erzählen über den Zusammenhang von Macht und Sex. SR 2-Kolumnist Erik Heinrich hat sich darüber seine eigene Meinung gebildet. Eine Kolumne.

Es könnte sie geben, die bessere Welt. Wo Männer geächtet werden, die aufgrund ihrer Übermachtposition als Schauspieler, als Chef, als Politiker, als Fahrlehrer oder schlicht als physisch Stärkerer eine Frau sexuell belästigen. Wo einer am Tresen einen Herrenwitz erzählt und der andere sagt: Alter, steck dir deine faden Zoten sonstwohin! Wo Bauarbeiter nicht mehr jungen Frauen hinterherpfeifen. Wo die Rechtsprechung erkannt hat, dass niemand in ein schwarz-weißes Geschlechtersystem hineingepresst werden darf.

Eine bessere Welt, in der es drei oder vier oder mehr Toiletten nebeneinander gibt und jeder die sich zu seiner Genderrolle passende aussucht. Eine schönere Welt, wo Pornofilme alle Geschlechter erfreuen. In der eine Frau und ein Mann, bevor sie miteinander Sex haben, einen Vertrag aufsetzen darüber was geht und was nicht. Und wo die I-Dötzchen in der Schule die Buchstabenfolge LSBTTIQ für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle und Queere vor dem Alphabet aufsagen können. Kommt mir irgendwie queer, schräg vor – aber richtig und gerecht!

Und es könnte sie geben, die beste aller Welten, die weit über Alice Schwarzers verwegenste Träume hinausgeht: Eine Welt, in der Frauen zwar ihre Merkmale hervorheben dürfen, aber wehe ein Mann schaut hin. Glotzer sind Täter!

Die beste Welt, in der man einer Frau nicht mehr die Tür aufhalten oder ihr in die Jacke helfen darf, weil sie sich sonst auf das überkommene Bild vom "schwachen Geschlecht" zurückgeführt fühlt. In der sich kein Mann mehr traut, einer Frau ein Kompliment zu machen vor lauter Unsicherheit. Preist er ihre Schönheit, reduziert er sie auf Äußerlichkeiten und degradiert sie zum Objekt. Lobt er ihre Klugheit oder ihr Geschick, hält sie sich für unattraktiv. Und es könnte sie geben, die allerbeste Welt, in der ein Dichter Alleen, Bäume und Frauen in einem Atemzug bewundert und dafür verfehmt wird und sein Gedicht verbannt von den Mauern der Alma Mater. Eine Welt, in der eigentlich mal die ganze Literaturgeschichte gründlich gesäubert werden müsste von Nabokov, vom Marquis de Sade und Kleists Marquise O, von Anais Nin und eigentlich auch von Goethe, Fontane und Bukowski. Nicht zu vergessen – ja, tut mir leid, Frauen – von 50 Shades of Grey. Es ist die beste Welt. Aber ich möchte nicht drin leben.

Eine Kolumne von Erik Heinrich

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Der Morgen" vom 14.11.2017 auf SR 2 KulturRadio berichtet.


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