Glosse: "Wahlkompromisse"

"Wahlkompromisse"

Erik Heinrich   12.09.2017 | 08:54 Uhr

In zwölf Tagen wird in Deutschland ein neuer Bundestag gewählt. Das bedeutet, dass zur Zeit nicht nur die Politiker, sondern auch die Wähler sich Gedanken um die Zukunft Deutschlands machen. Im Wahlkampfmodus befindet sich mittlerweile auch das kleine Dorf unseres Kolumnisten Erik Heinrich.

Wir hier in unserem 20-Häuser-Dorf finden, dass die etablierten Parteien zu wenig für uns in der Pampa tun. Der Bus hält nur noch zweimal täglich bei uns – außer Sonntags, da gar nicht. Die kleine Landstraße sieht aus, als hätte sie Meteoriteneinschläge hinter sich, dafür haben wir seit einem Jahr Anschluß an die Glasfaser-Datenautobahn. Leider ist aber seither das Internet langsamer geworden.

Viele wollen Protestwähler werden

Deshalb wollen jetzt viele bei uns im Dorf Prostestwähler werden. Freddy, der zu Hause online arbeitet, liebäugelt mit den Piraten, obwohl die schwerst Schlagseite haben. Britta bewundert zwar den SPD-Abgeordneten, der in etwa 100 Dörfern im Wahlkreis Bratwürste und Bier niedergewahlkämpft hat, überlegt aber, diesmal ihr Kreuz bei der Linken zu machen, weil die die besseren Sozen seien.

„Streber-Migranten“

Und Heidi, die sonst immer grün wählte, findet die Grünen zu etabliert, außerdem sagt sie, ihr seien diese „Streber-Migranten“ total suspekt. Eine politisch unkorrekte Äußerung, sagt Freddy, gegenüber Cem Özdemir! Wer redet denn von Özdemir, sagt Heidi, ich meine Göring-Eckard, die Musterprotestantin aus der thüringischen Provinz.

die wohl bizarrste Verbindung dieser Wahl

Helge, unser Systemkritiker, schwankt noch, ob er sein Protestkreuz bei der Partei des Satire-Titanen Sonneborn machen soll, oder bei der wohl bizarrsten Verbindung dieser Wahl: der Magdeburger Gartenpartei.

um Himmels willen nicht Jamaica

Aber seit dem Kuschelduell Mutti versus Grobi aus der Sesamstraße ist die Stimmung im Dorf umgeschlagen. Die meisten glauben jetzt, dass es schwarz-grün oder schwarz-gelb werden könnte und auch sollte – nur um Himmels willen nicht Jamaica! Heidi will jetzt ihre Stimme doch den Grünen geben, um sie nicht zu veschenken und Merkel ökologisch Druck zu machen.

das Wesen der Demokratie

Und Bauer Bruno seine der FDP, nicht weil Lindner so smart ist, oder die FDP so innovativ und liberal und für freien Flugverkehr über Berlin und überhaupt, sondern um schwarz-grün zu verhindern. Selbst Helge denkt darüber nach, ob er sein Kriegsbeil gegen die Etablierten begraben und mal einen Kompromiss machen soll. Wie sagte schon Lenin: "Ein guter Kompromiss ist, wenn es allen Beteiligten ein wenig weh tut." (Lenin hat das nie gesagt, aber egal.)

Kompromisse sind das Wesen der Demokratie. Wem sie wie weh tun, wissen wir in etwa zwei Wochen.

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Der Morgen" vom 12.09.2017 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

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