"Unprofessionell" und "selbstgefällig" - Dirk van den Boom über die SPD

"Unprofessionell" und "selbstgefällig"

Ein Interview mit dem Politologen Dirk van den Boom über die SPD

Kai Schmieding / Onlinefassung: Martin Breher   13.02.2018 | 18:02 Uhr

Andrea Nahles soll kommissarisch den SPD-Parteivorsitz von Martin Schulz übernehmen, wogegen sich in der Basis Widerstand regt. Auch der Politikwissenschaftler Dirk van den Boom ist skeptisch und meint im SR 2-Interview: "Ich bin mir nicht sicher, ob jemand, der in die Parteistrukturen reingewachsen ist, den großen Entwurf für eine Veränderung präsentieren kann."

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Nahles nominiert, Scholz übernimmt vorläufig
Im Laufe des Dienstags hat sich die Lage etwas geändert: SPD-Parteichef Martin Schulz erklärte seinen sofortigen Rücktritt. Kommissarisch übernimmt SPD-Vize Olaf Scholz. Und Andrea Nahles soll erst am 22. April zur neuen Chefin der Traditionspartei gewählt werden.


Die SPD musste in diesem Jahr bei den Fastnachtsumzügen besonders viel Spott ertragen: Mit dem Motto "Selber Schulz" drehte sich der noch amtierende SPD-Vorsitzende Martin Schulz selbst durch den Fleischwolf, Andrea Nahles war als Muskelprotz zu sehen mit einem Schriftzug auf ihrer Brust "Das Ende ist Nahles".

Der Politikwissenschaftler Dirk van den Boom meint im SR 2-Interview mit Kai Schmieding, dass die SPD diese Bilder zu einem großen Teil selber zu verantworten habe, denn "die höchst unprofessionelle Art und Weise, wie ein Großteil des Bundesvorstandes die gesamte Situation nach der Bundestagswahl gemanagt hat, war sehr augenfällig." Die SPD und ihre Mitglieder seien von den Ereignissen getrieben worden, hätten keine klare Linie vertreten, und "waren in ihrer Wankelmütigkeit gleichzeitig so selbstgefällig, dass das nicht nur bei den eigenen Parteimitgliedern, sondern auch in der Öffentlichkeit ganz schlecht angekommen ist".

Ist Andrea Nahles die Richtige?

Auch von einer direkten Übergabe des SPD-Parteivorsitzes von Martin Schulz an Andrea Nahles hält der Politologe nicht besonders viel: "Frau Nahles ist nicht einmal gewähltes Mitglied des Bundesvorstandes. [...] Ich denke die Art und Weise der Mauschelei, die da wieder zu Tage tritt, wird vielen einfachen SPD-Mitgliedern widerstreben." Das sei auch ein Grund, warum die Diskussion um eine Urwahl des Parteivorsitzenden gerade wieder befeuert werde.

Van den Boom meint, man müsse die Politikerin Nahles "sehr differenziert" betrachten. Auf der einen Seite trete Sie oft provozierend auf, als Arbeitsministerin habe sie aber auch gezeigt, dass sie auch "ministrabel und seriös" auftreten könne.

Außerdem habe sie "jeden Posten innegehabt, den man innehaben konnte" und sei deshalb "ein Produkt dieser Partei". Genau deshalb, weil sie in der Partei und mit den Parteistrukturen groß geworden sei, zweifelt van den Boom daran, dass Nahles nun die Person ist, die den großen Entwurf für eine Veränderung präsentieren kann. Eine solche Person sehe er in der SPD aber im Moment generell nicht, sagt der Politikwissenschaftler.

Hintergrund:

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Widerstand gegen schnelle Nahles-Lösung
Schon heute könnte Fraktionschefin Nahles kommissarisch den SPD-Vorsitz übernehmen. Doch mehrere Landesverbände protestieren gegen das Hau-Ruck-Verfahren - auch aus rechtlichen Gründen.

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Der Morgen" vom 13.02.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

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