"Eine Verschärfung der Lage ist durchaus zu befürchten"

"Eine Verschärfung der Lage ist durchaus zu befürchten"

Ein Interview mit Prof. Günter Meyer über die Unruhen im Iran

Johannes Kloth / Onlineversion: Rick Reitler   03.01.2018 | 07:45 Uhr

Der Nahost-Experte Prof. Günter Meyer hält eine "weitere Eskalation der staatlichen Gewalt" im Iran für ein mögliches Szenario. Dabei sei wie schon 2009 der Einsatz der paramilitärischen Freiwilligentruppe der "Iranischen Revolutionsgarde" denkbar. Diese bekäme es diesmal allerdings nicht mit dem Mittelstand zu tun, sondern mit verarmten Bauern und jungen Arbeitslosen.

Im islamischen "Gottesstaat" Iran wagen sich erstmal seit der blutig nieder geschlagenen Grünen Revolution des Jahres 2009 die Menschen auf die Straße. Für Prof. Günter Meyer vom Zentrum zur Erforschung der Arabischen Welt an der Uni Mainz sind die Proteste von damals und heute aber von ganz anderer Natur.

Frust wegen schlechter Lebensbedingungen

Prof. Dr. Günter Meyer (Foto: Inka Meyer)
Prof. Dr. Günter Meyer

Während 2009 die Massen des Mittelstands hauptsächlich in Teheran gegen Wahlmanipulationen zugunsten des konservativen Präsidentschaftskandidaten Mahmud Ahmadinedschad auf die Straße gegangen seien, protestierten heute nur relativ wenige verarmte Bauern, Arbeiter und Jugendliche am unteren Rand der Gesellschaft. Sie machten vor allem ihrem Unmut über die schlechte wirtschaftliche Lage Luft - verstreut über das ganze Land und ohne einheitliche Führung. Eine allgemeine "Frustration über die Verschlechterung der Lebensbedingungen" sei somit die aktuelle Triebfeder der Protestierenden, stellte Meyer im Interview mit SR 2-Moderator Johannes Kloth fest.

Bald mehr staatliche Gewalt?

Bei alldem spielten auch Kräfte aus dem Ausland eine wichtige Rolle, gab Meyer zu bedenken. Auch wenn ein "Szenario, wonach tatsächlich die außerordentlich mächtige Position des konservativen Regimes in eine echte Revolution, in einen Umsturz" münden würde, nur von sehr geringer Wahrscheinlichkeit sei, so sei doch ein Anschwellen der Proteste nicht völlig auszuschließen. Für wahrscheinlicher halte er allerdings zunächst eine "weitere Eskalation der staatlichen Gewalt", bei der der Einsatz der paramilitärischen Freiwilligentruppe der "Iranischen Revolutionsgarde" denkbar sei. "Eine Verschärfung der Lage ist durchaus zu befürchten", sagte Meyer.

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Der Morgen" vom 03.01.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.


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