Afghanen zwischen Integration und Rückführung

Afghanen zwischen Integration und Rückführung

Ein Gespräch mit der Islamwissenschaftlerin Angela Parvanta

Kai Schmieding / Onlinefassung: Rick Reitler   14.11.2017 | 08:45 Uhr

"Zwischen Integration und Rückführung" ist der Titel einer Fachtagung in Saarbrücken, die sich gegen die Abschiebung nicht asylberechtigter Personen nach Afghanistan ausspricht. Im SR 2-Interview spricht die Hauptreferentin, die Islamwissenschaftlerin Angela Parvanta, über die Situation der Afghanen in Deutschland und in ihrer Heimat.

Junge Afghanen "sehr lernbegierig"

Nach Meinung der Münchener Islamwissenschaftlerin Angela Parvanta setzt sich die deutsche Politik viel zu wenig für die über 250.000 Afghanen ein, die sich in den vergangenen Jahren auf den Weg nach Deutschland gemacht haben. "Viele Afghanen haben psychische Probleme, sind traumatisiert durch den Krieg; dann der lange Weg nach Europa, und dann kommen sie hier an, dürfen zum Teil keine Sprachkurse besuchen, dürfen nicht arbeiten", beklagte Parvanta im Gespräch mit SR 2-Moderator Kai Schmieding.

"Viele junge Afghanen wollen aber arbeiten, sie wollen lernen, sind sehr lernbegierig." Von daher sei es für die Afghanen hierzulande "sehr, sehr schwierig". Auch in ihrer Heimat hätten sie kaum Perspektiven: Die Arbeitslosenquote liege seit 2014 bei 70 Prozent, außerdem bestehe Lebensgefahr durch die IS und die Taliban: "In ganz Afghanistan herrscht Krieg", so Parvanta.

"Abschottungspolitik"

Dass trotzdem zurzeit "nur noch" 44 Prozent der Afghanen als asylberechtigt anerkannt würden, liegt aus ihrer Sicht "an der Abschottungspolitik" der Bundesregierung, die "ein Exempel statuieren" wolle. Die Regierung von Afghanistan sei mit dem Rückführungsabkommen vom Oktober 2016 unter Druck gesetzt worden, indem man im Falle der Nicht-Wiederaufnahme der afghanischen Staatsbürger mit der Kürzung der Entwicklungshilfe gedroht habe.

"Relativ niedrige Kriminalitätsrate"

Die Zahl der Afghanen in Deutschland habe sich seit dem Jahr 2010, als noch rund 50.000 von ihnen in Deutschland lebten, versechsfacht, erklärte Parvanta - auf nun über 250.000 Menschen. Die Kriminalitätsrate bei den Afghanen sei dabei "relativ niedrig im Vergleich zu den anderen Gruppen", ihr Abiturienten-Anteil dagegen höher: Während nur etwa 14,8 Prozent der Türken in Deutschland die Hochschulreife erreicht hätten, liege diese Quote unter den schon seit Jahrzehnten hier lebenden Afghanen bei 33 Prozent. Damit seien die Afghanen "eine der bestintegriertesten Gruppen überhaupt", sagte Parvanta. "Die Gruppen, die jetzt kommen", hätten allerdings "wenig studiert" und besäßen "wenig Bildung", räumte die Islamwissenschaftlerin ein.

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Der Morgen" vom 14.11.2017 auf SR 2 KulturRadio berichtet.


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Audio [SR 3, Sabine Wachs, 14.11.2017, Länge: 02:53 Min.]
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