Polizeistreife auf einem Weihnachtsmarkt (Foto: picture alliance / dpa / Peter Gercke)

Werden Weihnachtsmärkte zu "No Go Areas"?

Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Prof. Hajo Funke

Audio: Jochen Marmit / Onlinefassung: Raphael Klein   20.12.2016 | 15:45 Uhr

Der Politikwissenschaftler Professor Hajo Funke hat u. a. zum Thema "No Go Areas" geforscht und ist auch als Beobachter des NSU-Prozesses ein Spezialist für "Gewalt von rechts". Im SR 2-Interview spricht er im Zuge des Anschlags auf dem Berliner Weihnachtsmarkt über das "antidemokratische Potenzial" von Terroranschlägen.

"Balance zwischen Sicherheit und Freiheit finden"

Es gelte nun, auf den Anschlag in Berlin besonnen und nicht hysterisch zu reagieren, so der Politikwissenschaftler. Der Hintergrund der Tat spiele dabei aus demokratischer Sicht eine wesentliche Rolle: "Zur Demokratie gehört auch Aufklärung. Wir wissen nicht, ob es eine terroristische Tat war. Wir wissen nur, dass es ein Anschlag war." Genauso könne es eine Amoktat gewesen sein, meint Funke.

Die Exekutive sei nun gefordert, "weiche Ziele", also Zivilisten, besser zu schützen. Funke empfiehlt, Weihnachtsmärkte nicht zu besuchen, die nicht besser geschützt seien als der Berliner Weihnachtsmarkt am Abend des 19. Dezember. Hier müsse man in der Bevölkerung realistisch bleiben und sich nicht allen Gefahren aussetzen. Zugleich dürfe man aber auch nicht überreagieren und Weihnachtsmärkte zu "No Go Areas" machen: "Die totale Sicherheit gibt es nicht", so Funke. Politik und Exekutive müssten nun eine Balance zwischen Sicherheit und Freiheit finden.


Hintergrund

Ein LKW-Fahrer hat am Montagabend in Berlin auf dem Weihnachtsmarkt rund um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche mindestens zwölf Menschen getötet und 48 verletzt. Die Polizei geht von einem Terror-Anschlag aus. Ein Verdächtiger ist bereits im Gewahrsam der Polizei. Es soll sich um einen 23-jährigen Mann aus Pakistan handeln.


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