Kamera zur Videoüberwachung (Foto: SR)

Blinder Aktionismus oder sinnvolle Prävention?

Ein Gespräch mit dem Kriminologen Nils Zurawski von der Universität Hamburg

Audio: Kai Schmieding / Onlinefassung: Doreen Dyckerhoff   28.11.2016 | 15:30 Uhr

Mehr Videoüberwachung? Vorsicht! Der Kriminologe Nils Zurawski warnt vor der Fehlerhaftigkeit von technischen Systemen, die zu Falschverdächtigungen führen können. Er hält mehr Kameras zur Überwachung nur für die Abschreckung bestimmter Täter geeignet.

Auf der Innenministerkonferenz in Saarbrücken am 29. und 30. November spielt unter anderem das Thema innere Sicherheit eine wichtige Rolle. Und da kommt man am Thema Videoüberwachung schon lange nicht mehr vorbei.

Im Gespräch mit dem Kriminologen Nils Zurawski
Mediathek: Interview
Im Gespräch mit dem Kriminologen Nils Zurawski
[Kai Schmieding für SR 2 KulturRadio, Der Nachmittag, 28. November 2016, Länge ca. 5:11 Min.]

Direkte Auswirkungen auf den Einzelnen habe eine bundesweite Videoüberwachung wohl nicht, meint Nils Zurawski. Doch der Kriminologe der Universität Hamburg fürchtet, dass damit nur bestimmte Arten von Taten verhindert werden können - wie etwa Einbrüche oder Diebstähle. Wenn es aber um die Gefahr eines Terroranschlages gehe, nützten Videokameras wenig, so Zurawski: Hier gehe es nach wie vor darum, so schnell wie möglich mit der Polizei an Ort und Stelle zu sein, weil das Prinzip Abschreckung nicht mehr greife.

Zweifel an der Funktionalität

Zurawski bezweifelt zudem, ob in der Praxis wirklich alles so funktioniert, wie Experten es sich am grünen Tisch vorstellten. Schließlich seien alle technischen Systeme fehleranfällig - und das könne auch zu Falschverdächtigungen führen. Außerdem könne das System nur mit solchen Gesichtern arbeiten, die schon in polizeilichen Datenbanken erfasst seien, also schon einmal aufgefallen und registriert worden seien. Die biometrischen Daten von allen Bürgern zu erfassen, hieße, sie unter einen "Generalverdacht" zu stellen - und das sei nach dem Grundgesetz nicht zulässig, so Zurawski.


Glosse zum Thema:

Glosse
Wo können wir noch privat sein?
Die Angst geht um - Angst vor Terroristen, vor Einbrechern, vor Dieben. Die Zahl der Videokameras an Bahnhofsvorplätzen und Privatgärten wächst. Und die der Smartphones sowieso. Doch können die elektronischen Argusaugen das Sicherheitsbedürfnis befriedigen? Wer alles überall filmt und ins Netz stellt, der ist bald selbst nicht mehr frei, warnt SR 2-Kolumnist Erik Heinrich. EIne Glosse.


Hintergrund

Politik & Wirtschaft
Innenminister beraten über Verkehrssünder und Terror
Die Innenminister von Bund und Ländern treffen sich am 28. und 29. November zu ihrer Herbsttagung in Saarbrücken. Gastgeber ist Saar-Innenminister Klaus Bouillon (CDU). Bei den Beratungen soll es unter anderem um härtere Strafen für Verkehrssünder gehen.

Artikel mit anderen teilen