Literaturvermittler mit untrüglichen Gespür für gute Autoren

"Mit einem untrüglichen Gespür für gute Autoren"

SR 2-Literaturredakteur Ralph Schock geht in den Ruhestand - ein Porträt

Peter König  

Ralph Schock hat sich in der Kultur- und Literaturszene über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht. Als Literaturwissenschaftler, Publizist und vor allem als Literaturredakteur des Saarländischen Rundfunks. Diese Stelle bekleidete er 30 Jahre. Zum Jahresende hat sich Ralph Schock in den Ruhestand verabschiedet.

Im März 1987 trat Ralph Schock als Nachfolger von Fred Oberhauser seine Stelle als Literaturredakteur beim Saarländischen Rundfunk an. Kein Neuland für ihn, denn der promovierte Germanist hatte schon davor als freier Mitarbeiter Beiträge und Sendungen mit literarischen Themen für das Kulturprogramm des SR-Hörfunks gemacht. Nun also als festangestellter Literaturredakteur. Zunächst gemeinsam mit Arnfrid Astel, der die Redaktion leitete.

Früh erkannt: Berhard Schlink

1998 dann, als Astel in den Ruhestand ging, übernahm Ralph Schock die Verantwortung und führte die Hörfunkreihen "Literatur im Gespräch", "Bücherlese" und "Fortsetzung folgt" auf SR 2 KulturRadio fort. Mit Liebe, großer Leidenschaft und einem geradezu untrüglichen Gespür für gute Autoren und gute Literatur, die er dann auch zum Saarländischen Rundfunk holte und ins Programm brachte. Wie etwa Bernhard Schlink, der seinen Roman "Der Vorleser" für die nachmittägliche Literaturreihe "Fortsetzung folgt" auf SR 2 KulturRadio las. Produziert wurde die Lesung in einem der damals noch existierenden Hörspielstudios des SR. Das war im Sommer 1996, also schon einige Zeit, bevor der Hype um Bernhard Schlinks Roman losbrach, "Der Vorleser" zum Welterfolg wurde und die Verfilmung des Bestsellers mit Starbesetzung einen Oscar einheimste.

Neu geschaffen: Die Abiturreden

Ralph Schock ruhte sich nicht auf solchen Erfolgen aus, sondern schob auch neue Projekte an, initiierte zum Beispiel 1999 als Herausgeber eine Reihe mit jährlich stattfindenden "Reden an die Abiturienten". Diese Ansprachen greifen die Tradition der Schulrede auf: Seit dem 18. Jahrhundert haben bekannte Autoren zu Beginn oder am Ende eines Schuljahres solche Reden gehalten, darunter Jean Paul, Johann Gottfried Herder und Friedrich Schiller. Im Saarland ist die zentrale Abiturrede inzwischen Kult: Tausende Schüler, Lehrer, Eltern und Literaturinteressierte strömten seit 1999 jeweils kurz vor Beginn der Sommerferien zu den unterschiedlichsten Veranstaltungsorten, um die Reden zu hören.

Das ist auch verständlich, denn Ralph Schock ist es immer wieder gelungen, namhafte Autorinnen und Autoren als Redner für diese Aufgabe zu gewinnen. Etwa die nachmaligen Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino, Martin Mosebach, Marcel Beyer und Jan Wagner - und sogar die spätere Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller.

Gustav-Regler-Preis & Eugen-Helmlé–Übersetzerpreis

Eine sehr gute, überregionale Resonanz haben auch der Gustav-Regler-Preis der Kreisstadt Merzig, der alle drei Jahre vergeben wird, und der jährlich verliehene Eugen-Helmlé–Übersetzerpreis. An der Auslobung beider Literaturpreise war Ralph Schock maßgeblich beteiligt. Und als Jurymitglied war er mitverantwortlich für die Wahl der Preisträger. Seinen letzten Auftritt als Juror hatte er am 7. September, als er im Konferenzgebäude des SR den diesjährigen "Eugen-Helmlé-Übersetzer-Preisträger" Simon Werle vorstellte.

Und nun?

Wenn auch am 31. Dezember 2017 Ralph Schocks Dienstzeit endete und er sich als Moderator der Literatursendungen "Bücherlese" und "Literatur im Gespräch" auf SR 2 KulturRadio vom Mikrofon verabschiedet, so werden wir doch wohl in Zukunft noch einiges von dem begeisterten Literaturvermittler zu hören und vor allem zu lesen bekommen, zum Beispiel als Herausgeber der literaturhistorischen Reihe "Spuren". Da hat er bereits zahlreiche Bände veröffentlicht. Aber wir dürfen auch auf nicht-wissenschaftliche Texte von ihm gespannt sein.

Im Berliner Verbrecher Verlag ist gerade erst sein Buch "Kaffeeschmuggler und Steckdosenmäuse" erschienen, in dem sich der im saarländischen Ottweiler geborene Ralph Schock an seine Kindheit in den 1950er Jahren erinnert. Und dabei geht es – so viel sei schon mal verraten – um Murmeln, Fieber, Hausschlachtungen, Medizinschränke, Kindertaschentücher, Gulaschkanonen, Radios und die Abstimmung von 1955 über die Wiedereingliederung des Saarlandes in die Bundesrepublik.

SR 2 KulturRadio wünscht Ralph Schock alles Gute für seinen neuen Lebensabschnitt. Seine Nachfolgerin in der SR 2 Literaturredaktion ist Tilla Fuchs.

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Der Nachmittag" vom 02.01.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

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