"Ein leiser und schmerzvoller Theaterabend" - Premiere von "Wir sind die Guten"

"Ein leiser und schmerzvoller Theaterabend"

Premiere von "Wir sind die Guten" in der Alten Feuerwache

Reingart Sauppe   13.01.2018 | 13:10 Uhr

Vor zehn Jahren, nach den Terroranschlägen auf die Londoner U-Bahn, hat der britische Dramatiker Mark Ravenhill in 17 Kurzdramen die Veränderung der Gesellschaft durch den Terror beschrieben. 2010 folgte die Deutsche Erstaufführung unter dem Titel "Wir sind die Guten". Die Schauspieldirektorin am Saarländischen Staatstheater Bettina Bruinier inszenierte nun sieben ausgewählte Szenen in der Alten Feuerwache in Saarbrücken. Eine Premierenkritik.

Die "Guten" haben sich verbarrikadiert in ihrer bewachten Wohnanlage, die wie eine zerklüftete, eiskalte Gebirgslandschaft ausschaut und das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die Wände sind knallweiß und lassen an geborstene Eisschollen denken. Kleine rotblinkende Lichter deuten auf Alarmanlagen hin und grelle Neonröhren tauchen die Szenerie in kaltes Licht: Ein steriler Bunker,in dem gutsituierte Mittelschichtsfamilien ihren Traum von makellosem Wohlstand und Wohlanständigkeit leben.

Nahaufnahmen einer üppigen Dschungellandschaft stillen die Sehnsucht nach Natur und Wärme. In diesem künstlichen Fototapetenbiotop stehen drei Hausfrauen wie antike Göttinnen mit Apfel und Schälmesser in der erhobenen Hand da und verstehen die Welt nicht mehr. Die Welt da draußen, die immer wieder von Terroranschlägen erschüttert wird.

"Wir sind die Guten" am Saarländischen Staatstheater (Foto: Martin Kaufhold / SST)
"Wir sind die Guten" am Saarländischen Staatstheater

Wer sind die Guten?

Die Guten, das sind sie selbst: Sie, die alles richtig machen wollen, Fair-Trade Produkte kaufen und der Familie morgens einen gesunden Smoothie mixen.

Doch in den Gedärmen der perfektionsgetriebenen Familienmutter rumort es schmerzvoll und das kann auch die zur Religion erhobene Vitaminkost offenbar nicht verhindern. Dabei sind es doch verdrängte Gefühle wie Ängste,Trauer und Agressionen, die wie böse Dämonen das Ideal von Selbstkontrolle und Ausgeglichenheit bedrohen.

Angstgepeinigte Gesellschaft

Mit viel psychologischem Gespür für Zwischentöne und unausgesprochenen Stimmungen illustriert Regisseurin Bettina Bruinier die Neurosen einer angstgepeinigten Gesellschaft. Sieben der insgesamt 17 Kurzdramen, die der britische Dramatiker Mark Ravenhill als Zyklus schrieb, verwebt die Inszenierung zu einem psychologischen Kammerspiel, das sich im Laufe des Abends mehr und mehr zu einer beklemmenden Apokalypse steigert:

Der verdrängte Krieg kehrt nachts als Alptraum vom verwundeten Soldaten zurück, die Trauer um den gefallenen Sohn wird mit Trash-TV-Sendungen betäubt, das misshandelte Opfer, um das man sich kümmert, entpuppt sich als potentielle Attentäterin. Der Grat zwischen Normalität und Horror ist schmal.

Trotz aller deutlich-ironischen Kritik an dieser sich überlegen wähnenden nach Perfektion strebenden Wohlstandsgesellschaft gelingt es Regisseurin Bruinier, der inneren Logik ihrer Figuren nachzuspüren. Mehr tragisch als komisch wirken diese "Gutmenschen",die sich für die "Guten" halten und verzweifelt ihr Bild vom "richtigen" Leben verteidigen.

Keine zwei Stunden dauert dieser leise und schmerzvolle Theaterabend, der wie unter einem Brennglas den Zustand unserer Zeit beschreibt. Aktueller und präziser kann Theater nicht sein. Großartig!


Theater-Tipp:

Wir sind die Guten
(Shoot/Get Treasure/Repeat)
Schauspiel von Mark Ravenhill

Ort:
Alte Feuerwache, Saarbrücken

Termine:
Sonntag, 14. Januar, 18:00 Uhr
Donnerstag, 18. Januar, 19:30 Uhr 
KartenDienstag, 23. Januar, 19:30 Uhr 
KartenFreitag, 26. Januar, 19:30 Uhr
KartenMittwoch, 31. Januar, 19:30 Uhr 
KartenFreitag, 02. Februar, 19:30 Uhr 
KartenFreitag, 09. Februar, 19:30 Uhr 
Einführung je 30 Minuten vor Beginn.


Probenbericht:

Probenbericht: "Wir sind die Guten"
Angst und Abgründe in der Alten Feuerwache
Am Freitag zeigt die Alte Feuerwache in Saarbrücken zum ersten Mal das Stück "Wir sind die Guten" von Mark Ravenhill. Ein gesellschaftskritisches Stück, das vor allem das westliche Selbstverständnis als tolerant, aufgeklärt und gut in Frage stellt. SR 2-Reporter Max Knieriemen hat sich eine Probe angeschaut.

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Der Lange Samstag" vom 13.01.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

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