Ein Kommentar zur umstrittenen KiKa-Doku "Malvina, Diaa und die Liebe"

Beten, Burka, Babo?

Ein Kommentar zum Islambild in deutschen Medien

Julian Bernstein   13.01.2018 | 15:02 Uhr

Im November zeigte der Kika, der Kinderkanal von ARD und ZDF, eine Reportage über die Liebesgeschichte der 16-jährigen Malvina und dem 19-jährigen Diaa. Malvina ist Deutsche, Diaa Flüchtling aus Syrien. Vor allem in den sozialen Netzwerken hat die Reportage dem KiKa harsche Kritik eingebracht. Einer der Vorwürfe: Niemand erklärt dem jungen Publikum in dem Film, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Ein Kommentar von Julian Bernstein.

"Malvina, Diaa und die Liebe" – so heißt sie, die rund 25-minütige Doku, die dem Kinderkanal einen regelrechten Shitstorm eingebracht hat. Dabei ist an der Liebesgeschichte zwischen der jungen Deutschen und dem syrischen Flüchtling auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches: Beide gehen liebevoll miteinander um, halten Händchen und schwärmen voneinander.

Wären da nur nicht einige beunruhigende Szenen: Diaa gibt offen zu, dass es ihm nicht passt, dass Malvina Kontakt zu gleichaltrigen Jungen hat. "Sie gehört mir – ich gehöre ihr", sagt er an einer Stelle. Und Malvina sagt, dass sie häufig das Gefühl hat, in eine Richtung gelenkt zu werden, die ihr gar nicht gefällt. Ginge es nach Diaa, würde Malvina Kopftuch tragen und zum Islam konvertieren. Das verweigert sie bislang. Ihren Kleidungsstil und ihre Essgewohnheiten hat sie ihm zuliebe jedoch geändert.

Problem: Fehlende Kommentierung

Man sieht zwar ebenfalls, dass Malvina ihrem Freund selbstbewusst vor der Kamera widerspricht. Offen konfrontiert mit seinem rückständigen Frauenbild wird der junge Mann allerdings nicht. Eine Einordnung in Form eines Kommentars findet nicht statt. Stattdessen werden einem viele romantische Bilder präsentiert, begleitet von träumerischer Musik. Für ein Erwachsenenpublikum mag die fehlende Kommentierung kein Problem sein. Die Zielgruppe des Kinderkanals ist jedoch zwischen drei und 13. Ob der Sender mit diesem Werk seinem Programmauftrag, Kindern demokratische Grundwerte – unter anderem Gleichberechtigung – zu vermitteln, näherkommt, darf bezweifelt werden.

Wenn Muslime auftauchen, sind die Erwartungen niedrig

Die Dokumentation wirft die Frage nach dem generellen Umgang mit Diversität, mit fremden Kulturen, auf – vor allem mit Muslimen. Zuweilen gewinnt man den Eindruck: Wenn im deutschen Fernsehen irgendwo Muslime auftauchen, sind die Erwartungen niedrig.

Man stelle sich einmal vor, Malvina wäre mit einem 19-jährigen Herkunftsdeutschen zusammen. Der würde Druck auf sie ausüben, damit sie ihren Kleidungsstil ändert, sie von ihren männlichen Freunden isolieren und, wie auch Diaa, ein Problem mit Homosexuellen haben. Eine romantisierende, nicht-wertende Dokumentation über das unterschiedliche Paar wäre äußerst unwahrscheinlich. Vor einer solchen Beziehung würde der Kinderkanal vermutlich warnen. Dieser doppelte Standard gerade im Umgang mit Muslimen ist problematisch. Einerseits scheint die Mehrheitsgesellschaft mühsam erkämpfte Werte vorschnell aufzugeben. Andererseits werden gerade jugendlichen Muslimen, wie im Fall von Diaa, zweifelhafte Vorbilder präsentiert – im Jugendfernsehen leider kein Einzelfall, zum Beispiel auch im von ARD und ZDF aus der Taufe gehobenen Online-Kanal "funk".

Sehr konservatives Islamverständnis

Dort kann man sich Sketche der Comedy-Gruppe "Datteltäter" ansehen. Junge Muslime machen sich in dem Format unter anderem über Vorurteile und Rassismus lustig. Das Problematische dabei: Das Islamverständnis, das den jugendlichen Zuschauern, hier gebührenfinanziert, vermittelt wird, ist ein sehr konservatives: Die jungen Frauen bei den "Datteltätern" tragen fast ausnahmslos Kopftuch, in Interviews erklärte eine der Beteiligten, dass sie Männern den Handschlag verweigert.

Für junge säkulare Muslime scheint es ARD- und ZDF-weit hingegen kaum ein Identifikationsangebot zu geben. Die Verantwortlichen bei den Sendern sollten sich fragen, welches Islamverständnis – und im Fall von Diaa und Malvina – welche Formen des Zusammenlebens sie deutschlandweit fördern möchten. Das zunehmende Abbilden von Diversität und auch interkultureller Beziehungen mit all ihren Problemen ist löblich. Man sollte dabei jedoch nicht hinter gesellschaftliche Standards zurückfallen.

Über dieses Thema wurde in der Sendung "MedienWelt" vom 13.01.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

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