Reinhard Wilhelm: "Leistung wurde auf Kosten von Sicherheit gewonnen"

"Leistung wurde auf Kosten von Sicherheit gewonnen"

Ein Interview mit Informatik-Professor Reinhard Wilhelm von der Saar-Uni

Peter Weitzmann / Onlinefassung: Martin Breher   04.01.2018 | 17:40 Uhr

Die Sicherheitslücke in Prozessoren von mehreren Herstellern, die Forscher jüngst öffentlich gemacht haben, sei nicht neu, so Informatik-Professor Reinhard Wilhelm von der Universität des Saarlandes. Im SR 2-Interview spricht er über die Ursachen des Problems und über mögliche Konsequenzen und erklärt, dass der Fehler für Intel sogar zum Segen werden könnte.

Es sei nicht so, dass die betroffen Chips "von heute auf morgen eine Sicherheitslücke" produzieren, so Informatik-Professor Reinhard Wilhelm von der Universität des Saarlandes im SR 2-Interview. Das Problem, auf das Forscher aus Deutschland, Österreich und den USA nun aufmerksam gemacht haben, existiere schon lange und sei bereits vor einem halben Jahr entdeckt worden. Man habe das Problem jedoch so lange geheim gehalten, um den Herstellern die Chance zu geben, Korrekturen vorzunehmen.

Informatiker Prof. Reinhard Wilhelm (Foto: Schloss Dagstuhl / Leibniz-Zentrum für Informatik)
Informatiker Prof. Reinhard Wilhelm

Bisher seien noch keine Angriffe auf Geräte mit der Sicherheitslücke bekannt geworden. Solche Angriffe seien auch so komplex, dass man dazu als Hacker eine gewisse Zeit zum Entwickeln brauche, erklärt Wilhelm. Im Moment gebe es deshalb ein "Wettrennen zwischen den Herstellern unserer Geräte und Hackern, wer als Erster fertig ist, entweder mit der Korrektur oder mit den Attacken."

Milliarden von Geräten betroffen

Hintergrund des Problems sei, dass "mal wieder Leistung auf Kosten von Sicherheit gewonnen wurde", so Wilhelm. Durch die Sicherheitslücke sei es für Hacker möglich, vertrauliche Daten abzuschöpfen. Betroffen seien "Milliarden von Geräten", sowohl private Computer wie Handys oder PCs, aber auch "große Serverfarmen" im Netz.

Lösung mit Nebenwirkungen?

Zurzeit sei noch nicht klar, wie man das Problem lösen könne. Nur für Linux-Betriebssysteme gebe es bereits eine erste Lösung, so Wilhelm. Microsoft und Apple hätten angekündigt, demnächst Updates zu veröffentlichen. Schätzungen zufolge könnte dadurch der Leistungsverlust des Prozessors jedoch fünf bis 40 Prozent betragen, wobei 40 Prozent nur "für Anwendungen, die ein normaler Nutzer eigentlich nicht durchführt" gelten. Dennoch könne ein Update auch für Privatnutzer einiges an Leistungsverlust bedeuten.

Fluch oder Segen für Intel?

Der Aktienkurs von Intel, dem Unternehmen, das von den Problemen am meisten betroffen ist, ist in den letzten Tagen deutlich gefallen. Doch wenn sich herausstellen sollte, dass es "keine effektive Lösung über zum Beispiel Modifikationen des Mikrocodes in den Prozessoren und/oder die Softwarelösungen" geben könne, könnte Intel "bedauerlicherweise viele Millionen neue Prozessoren verkaufen müssen und damit ein Riesengeschäft machen".


Hintergrund:

tagesschau.de
Schwachstelle in Computerchips - weltweit
Es ist ein grundlegender Fehler in der Architektur von Computerchips, der PCs angreifbar macht: Mit diesem Problem muss sich nicht - wie anfangs angenommen - nur der US-Hersteller Intel auseinandersetzen. Der Schlamassel scheint größer zu sein.

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Bilanz am Abend" vom 04.01.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

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