Premierenkritik: "Bezahlt wird nicht"

"Die Komödie bleibt leider auf der Strecke"

Eine Premierenkritik zum Schauspiel "Bezahlt wird nicht" an der Alten Feuerwache in Saarbrücken

Reingart Sauppe   12.11.2017 | 13:45 Uhr

Was, wenn alle zu Dieben werden und die Regale plündern aus Protest gegen hohe Preise, niedrige Löhne und Armut? In Dario Fos Komödie "Bezahlt wird nicht" probt die Arbeiterklasse den Aufstand. Ist dieses Stück 40 Jahre später wieder aktuell? Ein Premierenbericht aus der Alten Feuerwache.

"Nicht unter politisch-inkorrektem Niveau amüsieren"

Einen mit hohen Papiertüten vollbepackten Einkaufswagen schiebt Antonia nach Hause. Weil mal wieder Ebbe in der schmalen Haushaltskasse ist, hat sie zusammen mit anderen Frauen des Prekariats-Viertels den Supermarktgeplündert. Doch kaum auf der Straße überfällt sie natürlich die Angs, erwischt zu werden.

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Der Abend beginnt deshalb als skurrile Kriminalkomödie: Nebelschwaden durchziehen eine surreale Wohnküchenlandschaft, in der Haushaltsgeräte ohne Sinn und Ordnung herumstehen,die Stehlampe ein Heizungsrohr ist und aus dem Esstisch Moos wuchert. Verfremdet sind auch die Figuren ,die in absurd-grotesker Verkleidung und mit großen schwarzbemalten Augen wie überzeichnete Comic-Figuren umeinanderschleichen undsich argwöhnisch beäugen.

Dario Fos Volkstheaterstück „Bezahlt wird nicht“ als Graphic Novel, als überzeichnete trickfilmhafte Komödie – das hätte ein unterhaltsamer Abend werden können. Doch die Regisseurin Johanna Wehner will mehr: Will den bei Dario Fo noch holzschnittartig vereinfachten Klassenkampf zwischen denen da unten und denen da oben übertragen auf den globalen Spätkapitalismus heute, in dem der Klassenfeind sich geschickt mithilfe von Briefkastenfirmen und Off-Shore Kanzleien tarnt und Niedriglohnverdienern mit Schnäppchenpreisen das Gefühl von Konsumteilhabe vorgegaukelt wird.

Und deshalb inszeniert Johanna Wehner den Text als groteske Parodie auf eine Welt, in der nichts mehr so ist wie es scheint und das Fehlen von Gewissheiten sich nur noch als dadaistischer Schwachsinn darstellen lässt.

Gute zwei Stunden traktiert die Inszenierung die Geduld des Publikums deshalb immer wieder mit sprachlichen Verfremdungseffekten, mit künstlichkomponierten Rezitativen als Ausdruck einer ins Absurde gesteigerten Verunsicherung. 

Am Ende sinken deshalb nicht nur die Supermarktrebellen erschöpft aufs Sofa, sondern auch der Zuschauer empfindet so etwas wie ratlose Enttäuschung. Viel zu selten erlaubt uns dieser Abend das befreiende Lachen, das für Dario Fo doch etwas Emanzipatorisches hatte. Die anarchistische Lust an Slapstik und Übertreibung. Der Spaß an der Verwechslung, die jeder guten Boulevardkomödie als Grundessenz dient. Etwa, wenn zwei Frauen Schwangerschaften vortäuschen, um die als Diebesgut erbeuteten Salatköpfe und Tomatendosen unterm Rock zu verstecken und für ihren Zustand immer absurdere Erklärungen erfinden. Oder wenn ein Polizist sich als verkappter Anarchist entpuppt.

Damit wir uns nicht unter politisch-inkorrektem Niveau amüsieren, wird auch hier die Komik der Situation gleich wieder gebrochen und ins Lächerliche gezogen wird. Viel zu selten bekommt das fünfköpfige Ensemble Gelegenheit, sein urkomisches Talent einfach mal ausspielen. Die Komödie bleibt leider auf der Strecke. Vielleicht wäre die dem Anspruch, aus der linkspopulistischen Klassenkampfklamotte ein aktuelles Stück zur Lage des Prekariats im globalen Kapitalismus zu machen, nicht gerecht geworden. Dafür hätte es das Volk allemal mehr erreicht.


Auf einen Blick:

BEZAHLT WIRD NICHT!
Komödie von Dario Fo
(Übersetzung: Peter O. Chotjewitz)

Ort:
Alte Feuerwache, Saarbrücken

Termine:
Samstag, 11. November 2017, 19:30 Uhr (Premiere)
Samstag, 18. November 2017, 19:30 Uhr 
Sonntag, 19. November 2017, 18:00 Uhr
Sonntag, 03. Dezember 2017, 18:00 Uhr
Donnerstag, 07. Dezember 2017, 19:30 Uhr
Freitag, 08. Dezember 2017, 19:30 Uhr
Samstag, 16. Dezember 2017, 19:30 Uhr

Besetzung:
Inszenierung und Bühnenbild: Johanna Wehner
Kostüme: Elisabeth Vogetseder
Musik: Felix Johannes Lange
Dramaturgie: Horst Busch

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Canapé" vom 12.11.2017 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

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