Interview der Woche: Stephan Ahr, Betriebsratsvorsitzender Saarstahl

"Schiefgelaufen ist, dass der Markt mehr oder weniger weg ist"

Ein Gespräch mit Stephan Ahr, Betriebsratsvorsitzender bei Saarstahl

Karin Mayer / Onlinefassung: Lena Schmidt  

Wegen andauerndem Auftragsmangel soll die 450 Millionen Euro teure Saarschmiede in Völklingen nur sieben Jahre nach ihrer Eröffnung zumindest teilweise stillgelegt werden. Über 400 Arbeitsplätze fallen weg. SR 2-Wirtschaftsredakteurin Karin Mayer hat mit Stephan Ahr, dem Betriebsratsvorsitzenden der Muttergesellschaft Saarstahl, über die Hintergründe und die Zukunft der Saarschmiede-Mitarbeiter gesprochen.

"Man bekommt den Kopf nur schwer frei", sagt Stephan Ahr zur Schließung der neuen Saarschmiede. Als Betriebsratsvorsitzender bei Saarstahl musste er seinen Kollegen mitteilen, dass zukünftig 400 Stellen wegfallen werden. Dabei sei es ihm wichtig, dass es neben dieser schlechten Nachricht auch noch eine gute gebe: immerhin könne man trotzdem über 400 der bislang beschäftigten rund 850 Kollegen weiter einen sicheren Arbeitsplatz garantieren, versprach Ahr im SR 2-Interview der Woche.

Wie wird entschieden, wer bleibt und wer gehen muss?

Bei der Entscheidung, wer bleibt und wer gehen muss, gehe man zunächst nach der klassischen Sozialauswahl, erklärt Ahr. Dabei spielten viele Kriterien eine Rolle - wie beispielsweise Alter und Familienstand. Das Ziel sei es jedoch, so viele Arbeiter wie möglich auf andere Stellen zu verteilen: "Bevor es überhaupt darum geht, sind wir ja daran interessiert, so viele Kollegen wie möglich im Werk zu halten. Bevor irgendwelche anderen Werkzeuge greifen, versuchen wir so viele Plätze wie möglich in der saarländischen Stahlindustrie zu platzieren. Und dann geht es einfach nur darum, dass man den Kollegen einen anderen Arbeitsplatz anbietet.“ Das werde sicher nicht bei allen 400 möglich sein, aber trotzdem bei einem Großteil, so der Betriebsratsvorsitzende.

"... der Situation geschuldet, dass dieser Markt weg ist"

Grund für die Schließung der Saarschmiede nach nur sieben Jahren ihrer Existenz ist laut Ahr die schlechte Auftragslage. Schiefgelaufen sei prinzipiell, dass der Markt für Großenergiemaschinen mehr oder weniger weg sei, erklärt Stephan Ahr. Als man die Schmiede 2007 geplant habe, sei die Lage im Energiemaschinenbau noch eine völlig andere als jetzt gewesen: "Wir haben in der Zeit, als wir damals diese Schmiede geplant und auf den Weg gebracht haben - 2007/2008 - eine ganz andere Welt im Energiemaschinenbau vorgefunden. Wir wurden von Energiekonzernen aufgefordert, eine Schmiede in dieser Größe zu bauen, weil man sie braucht und weil man stabile Lieferanten haben musste." Aufgrund der Energiewende und dem Atomunglück in Fukushima sei die Nachfrage nach Großenergiemaschinen jedoch zunehmend schwächer geworden, so Ahr. Dazu seien aus Sicht der Schmiede unvorteilhafte politische Entscheidungen getroffen worden.

Keine neuen Produkte für Saarstahl

Ein Vorwurf zur Schließung der Schmiede lautet, dass man zu lange damit gewartet habe, neue Produktionsmöglichkeiten für die Saarschmiede zu finden. Das habe man versucht, räumt Ahr ein, jedoch habe man einsehen müssen, dass die Lage auf dem Markt grundsätzlich zu schlecht sei: "Wir sind sehr eng mit unserer Struktur im Großenergiemaschinenbau fixiert, das heißt diese Schmiede ist gebaut für den Großenergiemaschinenbau; schwere, große Maschinen, schwere, große Pressen. Damit kann man keine kleinen Wellen machen". Dazu gibt es auch den Vorwurf, die Saarstahl habe zu lange mit der Schließung gewartet. Das habe vor allem daran gelegen, dass man wirklich alles versuchen wollte, um die Schmiede zu retten, sagt der Betriebsratsvorsitzende. Und räumt ein, dass man sicherlich auch hätte vorher reagieren können: "Man hätte sicherlich ein Jahr vorher, wenn man sich den ein oder anderen Geschäftsführer gespart hätte, diesen Schritt schon gehen können, aber man hat halt wirklich alles versucht."


Hintergrund - Rückblick

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