Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Neues aus dem Schlaflabor"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 09.02.2018 15:20 Uhr

... und am Samstag, 10.02.2018, in "Der Morgen".


Nr. 662

Nicht dass Sie denken, ich sei eine Schlafmütze. Aber so sieben bis acht Stunden sollten es schon sein, pro Nacht. Und damit befinde ich mich nicht nur statistisch in der Mitte der Gesellschaft, sondern auch im Einklang mit den Empfehlungen der Wissenschaft. Ein angenehmer Gedanke, mit dem sich wunderbar entspannt einschlafen lässt.

Aber eine Karriere im oberen Leistungssegment von Politik und Wirtschaft lässt sich damit nicht starten. Denn es schläft das Alphatier allenfalls der Stunden vier. Das jedenfalls wird von besagten Rudelführerinnen und -führern gerne als Ausweis ihrer bestechenden Leistungsfähigkeit verkündet. Schon von Napoleon ist die Devise überliefert "Vier Stunden schläft der Mann, fünf Stunden die Frau, sechs ein Idiot."

Allerdings wird auch berichtet, der kurze Korse sei immer wieder auf seinem Schlachtross weggedöst, und seine Mitreiter waren froh, wenn er nicht aus dem Sattel kippte. Die Vier-Stunden-Prahlerei nämlich, so sagt die Forschung, reiht sich wohl nahtlos ein in die Thekensprüche über ungebrochene Fahrtüchtigkeit nach drei oder vier Bierchen oder die sexuelle Leistungsfähigkeit egal in welchem Zustand oder Alter.

Entsprechende Vorsicht ist also geboten auch bei der Ansage unserer Kanzlerin: "Ich habe eine Art Kamelkapazität, mit Schlaf umzugehen." Was wohl heißen soll, dass sie, so wie das Kamel in seinen drei Vormägen das Wasser, irgendwo unterm Hosenanzug ein Schlafdepot mit sich herumträgt. Ist zwar kompletter Unfug, hat ihr aber schon den Ehrentitel "Königin der Nacht" eingetragen. Was sich wohl weniger auf die Mozart'sche Opernfigur bezieht, denn einen Satz wie "Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen" können wir uns nur schwer aus Merkels Mund vorstellen. Eher mag man da an Kakteen denken, die ihre Blüten nur in der Nacht, oftmals nur in einer einzigen, zur Bewunderung und Bestäubung öffnen.

Wie dem auch sei: Fest steht, dass der Mensch unter Schlafmangel nicht auf der Höhe seiner Schaffenskraft ist. Gerade wieder festzustellen, als das Berliner Schlaflabor am Mittwoch Morgen seine Türen öffnete und die Probanden nach 24 Stunden Schlafentzug in den Morgen entließ. Wo sie das Koalitionsvertrag genannte Ergebnis ihrer Schlaflosigkeit präsentierten. Wer sich verwundert fragt, wie denn all diese Kompromisse, inhaltliche wie personelle, nun doch noch möglich geworden sind, der sollte die aktuellen Ergebnisse der Schlafforschung zu Rate ziehen. Schlafentzug, so lesen wir, führt "zu realitätsfernem Optimismus und erhöhter Risikobereitschaft". Und "die Wahrnehmung negativer Konsequenzen des eigenen Handelns sinkt erheblich."

Wie sonst konnte Martin Schulz glauben, dass seine Übernahme des Außenministeriums ihn nicht für alle Zeiten zum Umfaller des Jahres machen würde? Und zeugt nicht die Nominierung von Horst Seehofer zum Superminister für Inneres, Bau, Heimat und Blasmusik von deutlich erhöhter Risikobereitschaft?

Immerhin weiß man, dass die Auswirkungen eines Schlafentzugs von 22 Stunden einem Blutalkoholwert von 1 Promille entsprechen. Fahruntüchtig also die ganze Koalitionsblase – aber regierungsfähig? Allemal! Auch wenn Horst Seehofer die Frage nach der "Handschrift" des Vertrages aus Müdigkeitsgründen "bis Aschermittwoch" vertagen musste.

Meine Nachbarin Barscheck fragt sich, ob nicht alles besser wäre, wenn unsere Politik einfach von ausgeschlafenen Menschen bestimmt würde. Dann hätte es aber diese Koalition vielleicht gar nicht gegeben. "Eben" sagt Frau Barscheck.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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