Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Tiefdruck"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 12.01.2018 16:40 Uhr

... und am Samstag, 13.01.2018, in "Der Morgen".


Nr. 658

Nicht dass Sie denken, ich sei unter die Meteorologen gegangen. Mir genügt im Regelfall ein Blick aus dem Fenster zur Feststellung der aktuellen Wetterlage. Wenn's nass ist, regnets, ist der Himmel blau, scheint vermutlich die Sonne und wenn sich die Markise am Café gegenüber bewegt, bläst der Wind. Fliegt sie weg, ist Sturm. Das reicht mir.

Das reicht sogar, um zu erkennen, dass das, was zur Zeit im schönen Bayern so dick die Backen aufbläst, kein profundes Sturmtief sein kann. Zum einen: Die Tiefs tragen in diesem Jahr turnusgemäß weibliche Vornamen. Das reicht im ersten Durchgang von Alja bis Zsuzsa – ein Alexander hat da schon rein gendermäßig keinen Platz. Des weiteren sollte so ein Sturm doch zumindest ein paar Ziegel vom Dach hauen, Gewässer in Aufruhr bringen oder wenigstens ein paar stärkere Zweige biegen. Das kann man schon erwarten. Ein bisschen Blätterrauschen reicht da nicht.

Also: Was Landesgruppenchef Alexander Dobrindt da zu Jahresbeginn in die WELT gepustet hat von "Konservativer Revolution" und "bürgerlicher Wende" ist nicht mehr als laue Luft aus aufgeplusterten Backen. Ein veritables Tief allenfalls vom intellektuellen Niveau her. Der Druck reichte gerade mal, um ein paar herumliegende Begriffe durcheinander zu pusten, damit hinter dem Herumflattern von Sozialismus, Nationalismus, Ökologismus und Islamismus samt "sozialdemokratischem Etatismus und grünem Verbotismus" die gähnende inhaltliche Leere nicht auf den allerersten Blick zu erkennen war. Wie einst der berühmte Ritter von der traurigen Gestalt gegen die Windmühlen anrannte, tobt Dobrindt gegen den vermeintlichen Feind einer "linken Meinungsherrschaft" allgegenwärtiger Achtundsechziger.

Im Unterschied zum guten Don Quijote verbläst die bayerische Windhose Dobrindt einen groß Teil ihrer Luft erstmal zum Anpusten der Windmühlenarme seiner Gegner. Man hätte sie sonst glatt übersehen. Dobrindt aber sieht eine Republik, in der "linke Aktivisten", "selbst ernannte Volkserzieher und lautstarke Sprachrohre" einer radikalen Minderheit die Mehrheit der christlichen Reihenhausbesitzer und Fabrikarbeiter so zudröhnen, dass sie nicht mehr wissen, wo Gott wohnt. Nämlich in Bayern bei der CSU. Die mit ihren 6,2 Prozent der bundesweiten Wählerstimmen nicht nur die "erkennbare Volkspartei" ist, sondern auch die eigentliche Mehrheit im Lande repräsentiert.

Und jetzt auch noch die Revolution ausruft. Die "konservative Revolution der Bürger" nämlich, die nun endlich der "linken Revolution der Eliten" des Jahres 1968 folgen muss. Die den damals zweijährigen Alexander tief traumatisiert haben muss, während wir anderen so recht gar nichts gemerkt haben von der Revolution. Zumal selbst der große Führer Dobrindt schreibt: "Unser Land war nie links." Ja, was denn nun?

Dobrindts Sturm im Wasserglas wirbelt als eigenes revolutionäres Konzept auch nur die altbekannten Ingredienzien aus christlich-jüdischer Tradition, Heimat, Familie und Patriotismus, abgeschmeckt mit einem kräftigen Schuss Islamophobie zusammen – es lohnt keine Unwetterwarnung. Auch wenn die Historiker mit sorgenvoll gerunzelter Stirn auf die unheilvolle Geschichte des Begriffes "konservative Revolution" aus Weimarer Zeiten und dessen Verwendung in der sogenannten "Neuen Rechten" verweisen – ich glaube nicht, dass die CSU-Luftpumpe davon je gelesen hat.

Ist wohl eher so, wie meine Nachbarin Barscheck sagt: Da flattert einer als Luftsack im AfD-Meinungswind und gebärdet sich als Sturmmacher. Das legt sich. Spätestens nach der Bayernwahl. Schauen Sie einfach aus dem Fenster.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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