Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Lesen bildet"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 11.08.2017 16:40 Uhr

und Samstag, 12.08.2017 in "Der Morgen".


Nr. 636

Nicht dass Sie denken, ich wollte hier etwas gegen das Lesen sagen. Lesen bildet. Und - hurra! - eine brandneue Studie von sechs deutschen Verlagen vermeldet der gerührten Öffentlichkeit: Unsere Kinder und Jugendlichen sind gar nicht die digitalen Idioten mit hypertrophen Daumen und Sehnenscheidenentzündungen vom Wischen, Klicken und Tippen auf ihren tragbaren Bildschirmen! Nein, sie lesen! 72 Prozent aller Vier- bis 13-Jährigen schauen mehrmals pro Woche in Bücher, Zeitschriften und Comics! Na also!

Dummerweise folge ich gelegentlich dem Drang, mehr als die ersten Zeilen einer Meldung zu lesen und musste so erfahren, dass es sich beim Lesestoff des Nachwuchses hauptsächlich um "Klassiker wie Disneys lustiges Taschenbuch, das Fußball-Magazin Just kick it oder das Pferdemagazin Wendy" handelt. Das erklärt manches. Es ist halt nicht nur wichtig, dass man liest, es spielt schon auch noch eine Rolle, was.

So ist es natürlich zu begrüßen, dass wohlmeinende Bürger einem Präsidenten Bücher zukommen ließen. Aber mussten es ausgerechnet hunderte von Bibeln sein? Die er offenbar nicht alle zum Schwören, als Türstopper oder Wurfgeschosse gegen aufmüpfige Mitarbeiter verwenden konnte. Nein, er muss wohl darin geblättert haben. Prompt packte ihn im heimischen Golfressort der alttestamentarische Furor und er schleuderte dem nordkoreanischen Kinderpräsidenten den Jesaja-Satz von "Feuer, Wut und Macht" entgegen, mit denen er, Trump der Herr, dessen Land überziehen werde. Und das natürlich – man ist schließlich nicht irgendein Propheten-Epigone - "wie die Welt es so noch nicht gesehen hat".

Gut, das amerikanische Wut-Toupet ist nicht der erste Leser, bei dem die biblischen Untergangsfantasien Verwirrung in der Rübe angerichtet haben, nur die meisten haben eben keinen verhängnisvollen Roten Knopf im Koffer. Und wenn nun auch in der Folge noch sein Verteidigungsminister dem nordkoreanischen Volk mit "Vernichtung" droht, gruselt es einen schon ein wenig.

Muss es aber nicht, sagen die Kommentatoren, das sei nur "Theaterdonner". Ein geschütteltes Blech also, wie in Richard Straussens Alpensinfonie. Harmlos, wenn man nicht gerade direkt danebensteht. Es werde also nicht so heiß gebombt, wie es getwittert wird. Trump, so sagt es die Pressesprecherin des amerikanischen Außenministers, habe nur "eine Sprache  gewählt, die der nordkoreanische Präsident Kim Jong Un verstehe". Wer hätte das gedacht - offenbar gehört das Buch Jesaja zu dessen täglicher Lektüre. Man lernt eben nie aus. Selbst das Lesen solcher Meldungen bildet.

Meine Nachbarin Barscheck hat jetzt eine spontane Aktion ins Leben gerufen, von der ich Sie an dieser Stelle unbedingt unterrichten soll. "Lasst ihn lesen" heißt ihre Kampagne, mit der sie auffordert, den belesensten Präsidenten, den die Welt je gesehen hat, mit friedensstiftender Literatur zu versorgen. Einfach Ihren entsprechenden Lieblingstitel eintüten und abschicken. Donald Trump, White House, Washington D.C reicht als Adresse. Wahlweise auch: Golfressort Mar-a-Lago, Florida.

Barschecks Päckchen ist schon auf dem Weg. Wundern Sie sich also nicht, wenn Trump demnächst vor der Presse an einem Blumenstrauß schnüffelt. Sie hat ihm "Der Stier Ferdinand" geschickt. One of the fuckin best books of the world. Definitely. Wendy gabs nicht auf Englisch.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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