Brunners Welt (Foto: SR)

„Knickebein"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Samstag 15.04.2017 Der Morgen

 Nr. 619

Nicht dass Sie denken, ich sei kein Freund von Regelmäßigkeit. Ereignisse, die mit beruhigender Sicherheit immer wiederkehren, verleihen unserem chaotischen Leben Halt und Struktur: Abgabetermine für die Steuererklärung, Fahrpreiserhöhungen der Deutschen Bahn oder die Verkündung des nächsten Eröffnungstermins für den Berliner Flughafen. Und natürlich die Feste unseres christlich-abendländischen Kulturkreises, die alle Jahre wieder für Stimmung auf den Autobahnen und Staus in den Familien sorgen.

So wie auch jetzt wieder Ostern, das Fest der Morgenröte, wie uns das Herkunftswörterbuch lehrt und der eierlegenden Mümmelmänner und -frauen. Aus welchem Anlass nach geltender Tradition wieder Tonnen von Eiern und eiförmigen Süßwaren in Gärten, Wiesen und Auen versteckt werden. Allein aus dem von den eigentlichen Adressaten nicht gefundenen Naschkram könnte vermutlich der Kalorienbedarf bedürftiger Menschen bis Pfingsten gedeckt werden. Es kann der Ärmste doch in Frieden nehmen, wenn es der reiche Nachbar nicht mehr sucht.

Wozu offenbar auch durchaus Bedarf besteht, wenn man im jüngsten Armutsbericht blättert, den uns die Bundesregierung soeben ins Nestchen gelegt hat. Nicht mehr ganz taufrisch, aber das trifft ja auch auf manch andere Osternest zu, in dem hier und da das Knickebein-Ei mit längst abgelaufenem Verfallsdatum endgelagert wird. Nicht nur, dass der Bundesbericht mit einjähriger Verspätung kam – er sollte eigentlich immer zur Mitte der Legislaturperiode vorliegen - , seit seinem ersten Auftauchen im Oktober 2016 ist nun ein weiters halbes Jahr vergangen. Schließlich will man das Mammutwerk von rund 650 Seiten ja nicht einfach so auf den Gabentisch packen, da muss man sich schon auch ein wenig um die Optik kümmern. Soll ja ein Geschenk sein.

Also hat erstmal das Kanzleramt ein paar unschöne Bemerkungen über Lobby-Einfluß, sinkende politische Teilhabe des Prekariats und Bevorzugung der höheren Einkommensschichten im gesetzgeberischen Handeln gestrichen. Im Anschluss ging der Bericht über die deutsche soziale Wirklichkeit dann in die sogenannte Ressortabstimmung. Damit auch jedes Ministerium den harten Kanten der Realität noch ein wenig festlichen Schliff verpassen konnten. All das zählt ja spätestens seit dem letzten noch vom liberalen Jungspund Rösler eigenhändig entrealisierten Armutsbericht zur guten Tradition.

Ein böswilliger Schelm, wer da von Verfälschung spricht. Es ist ja alles noch da! Auch die in der offiziellen Feiertagsausgabe der Regierung fehlenden Passagen sind noch nachlesbar, sagt Frau Nahles. Irgendwo auf irgendeiner website ihres Ministeriums. Muss man halt ein bisschen suchen. Wie es ja guter alter Osterbrauch ist. Man darf es dem Volk nicht zu einfach machen, ist ja langweilig, wenn die Eier offen auf dem Wohnzimmertisch liegen.

Meine Nachbarin Barscheck fragt sich und mich allerdings hartnäckig, wieso ein Bericht, der ja eigentlich fundiert und objektiv Klarheit aufgrund vorliegender Zahlen über den Zustand der Republik liefern sollte, überhaupt noch „abgestimmt“ und bearbeitet werden muss? Aber die kocht, bemalt und versteckt ja auch nicht traditionsgemäß die freilaufenden Bio-Eier, sondern verwandelt sie umgehend und ganz offen in ihren berüchtigten Eierlikör. Der übrigens ebenso nachhaltig zur Verschönerung der hässlichen Realität beiträgt, wie die Abstimmungsbemühungen unserer Knickebein-Ministerien. In diesem Sinne: Erfolgreiches Suchen und Frohe Prostern!


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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