Eine Frau hört mit Kopfhörern zu laute Musik (Foto: Imago/momentphoto/Killig)

„Das Ohr stirbt nicht von einer Sekunde auf die nächste“

Das Gespräch führte Stefan Eising   13.07.2017 | 06:35 Uhr

Unsere Ohren können einiges aushalten, sagt der HNO-Arzt Prof. Klaus Bumm – zumindest mehr, als besorgte Eltern vielleicht denken. Trotzdem: Wer unterwegs viel mit Kopfhörern Musik hört, sollte ein paar Dinge wissen.

Gehörschäden durch zu lautes Musikhören mit Kopfhörern werden häufiger. Das erlebt unser Interviewgast Klaus Bumm in seinem Arbeitsalltag immer wieder. Er ist der leitende HNO-Arzt am Caritas-Klinikum in Saarbrücken und sagt: Kopfhörer müssen gar nicht gefährlich sein, wenn man sie richtig benutzt.

SR.de: Ich höre gerne Musik. Meistens mit Kopfhörern. Bin ich gefährdet?

Prof. Klaus Bumm vom Caritasklinikum (Foto: CaritasKlinikum Saarbrücken)
Prof. Klaus Bumm vom Caritasklinikum

Prof. Klaus Bumm: Ja, wenn Sie zu laut hören. Nein, wenn Sie normal hören. Es gibt Untersuchungen, die haben gezeigt, dass zehn Prozent der Jugendlichen Lautstärken verwenden, die gefährlich sind. Und bei diesen zehn Prozent hat man in Hörtests auch herausgefunden, dass die deutlich schlechter hören. Ob die jetzt die Musik lauter haben, weil sie schlechter hören, oder ob sie schlechter hören, weil sie die Musik lauter drehen, kann man schlecht sagen.

SR.de: Aber was ist denn lauter als normal? Gibt es da eine Faustregel, nach der man sich richten kann?

Bumm: Zum Beispiel in Handys ist es so, da gibt es einen Pegel, ab dem das Gerät abschaltet. Also lauter geht es nicht. Oder da wird man gewarnt, dass ab da die Lautstärken gefährlich werden. Ab 80 Dezibel sind Hörschäden möglich. Und lauter als das sollte man die Musik nicht haben.

SR.de: Kann ich denn merken, dass ich es übertrieben habe?

Bumm: Ja. Das Ohr stirbt nicht von einer Sekunde auf die andere ab oder wird von einer auf die andere Sekunde schlechter. Sondern das ist ein langsamer Prozess. Und wenn man das Ohr und die Haarzellen überfordert, dann hat man als erstes so ein Gefühl der Völle. Das fühlt sich im Ohr so an, als wenn das Ohr in Watte gepackt ist. Alles hört sich so an wie unter Wasser, so ein bisschen entfernt. Manchmal auch mit einem kleinen Tinnitus, also einem Ohrgeräusch.

Und das sind Zeichen, dass man sofort aufhören und dem Ohr eine Pause gönnen sollte. In der Regel ist es so, dass es dann nach einer halben Stunde wieder gut ist.

SR.de: Wann kann sich das Ohr noch erholen, wann wird es permanent?

Panorama
Lärm zum Mitnehmen
Wer ein echter Musik-Junkie ist, der hört nicht nur zuhause im stillen Kämmerlein, sondern auch unterwegs. Der Kopfhörer ist zum selbstverständlichen Accessoire geworden. Dabei eignet sich nicht jeder Kopfhörer für jeden Zweck.

Bumm: Sobald man einmal merkt, dass man schlechter hört, sei es dass man auf einem Konzert war, oder in einem Club, oder einfach nur mit Kopfhörern zu laut Musik gehört hat, dann sollte man mal zum HNO-Arzt gehen und auf alle Fälle die Sache untersuchen lassen. Man kann sagen, wenn das einmal passiert, oder auch gelegentlich mal passiert, dann ist das nicht allzu schlimm. Aber wenn das dauerhaft passiert, dann sind bleibende Hörschäden sicher.

Ich habe zum Beispiel in meiner Klinik einen DJ, der das hauptberuflich macht, der ist 28 Jahre alt. Ich habe bei ihm einen Hörtest gemacht, und der hört so wie ein 60-Jähriger Stahlarbeiter. Der braucht an für sich ein Hörgerät. Denn da wächst auch nichts mehr nach am Ohr. Was da einmal kaputt ist, das ist kaputt und kommt nicht wieder.

SR.de: Ist das ein typischer Patient oder gibt es noch andere?

Die Lärmschwerhörigkeit, die durch zu laute Arbeitsumgebungen hervorgerufen wird, die wird inzwischen weniger. Jeder Arbeitgeber, der eine laute Maschine hat, weiß mittlerweile, dass er seinen Arbeitern Lärmschutz zur Verfügung stellen muss. Was mehr wird, sind Jugendliche, die zu laut Musik gehört haben. Das sind überdurchschnittlich starke Beeinträchtigungen. Das sehen wir jetzt in der Praxis relativ häufig. Teilweise kommen die Patienten dann mit einer Tinnituserkrankung zu uns, teilweise aber auch schon mit richtigen Hörstürzen.

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch.

Artikel mit anderen teilen