Sommerinterview: Astrid Carolus – Die Gesellschaft und die Neuen Medien

Astrid Carolus – Die Gesellschaft und die Neuen Medien

Nelly Theobald   28.07.2017 | 06:00 Uhr

Hassbotschaften und Fakenews in den sozialen Medien – über die Wirkung, Folgen und Gegenmaßnahmen wird aktuell heftig diskutiert. Unsere erste Gesprächspartnerin in den SR-Sommerinterviews beschäftigt sich vor allem damit, wie das Internet und damit auch die sozialen Medien unsere Kommunikation verändern. Astrid Carolus ist Medienpsychologin an der Universität Würzburg.

Hass, Fakenews und Verschwörungstheorien – wie das Internet unsere Kommunikation verändert, fragen wir die Medienpsychologin Astrid Carolus. Sie ist selbst auf Twitter aktiv. Mehrmals in der Woche teilt sie in dem Netzwerk mit dem weißen Vogel auf blauem Grund persönliche Erlebnisse, kleine Anekdoten und für sie interessante Artikel. Viele Follower hat Carolus nicht, rund 190.

Was aber auf ihrem Twitter-Profil direkt auffällt, ist das Hintergrund-Foto: „Das Internet zerstört dein Leben“. Für die Psychologin keine Warnung, sondern viel mehr eine ironische Anspielung. Sie versuche damit die Idee aufzugreifen, dass ein Teil der Gesellschaft die Meinung transportiert, das Internet sei etwas Böses, das unsere Gesellschaft bedrohe. Doch negative Auswirkungen der neuen Kommunikationswege, Hate Speech zum Beispiel, treffen gar nicht jeden, sagt die Medienpsychologin, auch wenn das gerade so suggeriert werde.

Hate Speech erlebt nicht jeder

In der nicht ganz neuen Diskussion über Gefahren der sozialen Medien, mahnt Carolus im SR-Sommerinterview mehr Besonnenheit an. Jeder könne über das Internet kommunizieren, was ein großer Vorteil auch für die Meinungsfreiheit, die Demokratie sei. Zugleich sei das aber eben auch ein Nachteil. Hate Speech, Hassrede, die dadurch möglich wird, sei ein Phänomen, das auftrete, weil die Kommunikation im Internet andere Voraussetzungen habe. Menschen fühlten sich anonymer und trauten sich so eher ausfällig zu werden.

Hate Speech reicht von Beleidigungen über Diffamierungen bis hin zur Volksverhetzung. Manchmal verbreiten sich Hassbotschafen im Netz rasend schnell, werden tausendfach geteilt. Nicht selten hallt das Echo bis in den größeren politischen Diskurs. Carolus warnt jedoch davor, nur diese negative Auswirkung der neuen Kommunikation zu sehen. Die Frage sei, wie die Gesellschaft damit umgehe, dass im Netz alles öffentlich ist.

„Menschen tun das, weil sie es können“

Als Psychologin stellt sich Carolus aber auch selbst die Frage: Warum machen Menschen das – beleidigen, diffamieren, hetzen im Netz? Für sie steht fest: Das Internet spiegelt eigentlich nur das wieder, was Menschen sowieso schon machen - in der Offline-Welt: „Menschen machen das, ich würde schlicht und einfach sagen, weil sie es können. Weil es sehr einfach möglich ist. Menschen machen es auch, weil man den Eindruck gewinnen könnte, wenn man auf bestimmten Foren und Seiten unterwegs ist, dass man Teil der Massenmeinung ist.“ Vor dem Internet hatten diese Menschen vielleicht auch schon dieselben Gedanken. Durch das Medium kann es jetzt aber jeder sehen.

Gefahr der Echokammern

Gefährlich werde es, wenn Menschen nur noch Zeit in Netzwerken verbringen, die nur ihre eigene Meinung wiedergeben, in ihren eigenen Echokammern sozusagen. Auf diese Weise verliere man andere Blickwinkel. Deshalb fordert Carolus mehr Medienkompetenz. Das Problem seien nicht die Geräte. Vor allem Kinder lernten diese schnell zu bedienen.

Es gehe vor allem darum zu verstehen: Welche Tragweite hat ein Post auf Facebook, was heißt öffentlich posten überhaupt? Deshalb engagiert sich Astrid Carolus auch in der „Schau hin“-Initiative. Dort gibt sie Eltern Hilfestellung, wie sie Kindern den Umgang mit Medien erklären können. Grundsätzlich erlebe sie bei Eltern eine große Sorge. Eltern seien teilweise auch überfordert: „Das soziale Netzwerk, das gestern „in“ war, ist es heute nicht mehr.“

Das Smartphone gehört zum Leben dazu

Smartphones, Computer und Tablets zu verteufeln, helfe nicht. Kinder treffen auf Freunde und in der Schule sind Kinder, die ein Gerät haben. Sich dem zu verschließen, sei nicht gut. Vielmehr sollten Eltern zu ihren Kindern sagen: „Okay Kind, das sind die Möglichkeiten. Hier sind unsere Regeln. Wir versuchen zusammen, mit dem Gerät umzugehen.“

Auch die Forderung Hass-Botschaften und Falschnachrichten zu löschen, sieht die Medienpsychologin kritisch. Vielmehr müsse die Gesellschaft lernen, mit der veränderten Kommunikation umzugehen: „Ich glaube ganz wichtig ist es, neben der Sanktion, darüber nachzudenken: Was wollen wir eigentlich selber machen?“ Und das muss eben jeder für sich selbst entscheiden, wie er die neue Kommunikation benutzen will. Sich dagegen zu verschließen, ist aber für die Psychologin der falsche Weg.


Die Sendetermine


Ausschnitte der Interviews sehen Sie im SR Fernsehen. Das komplette Interview finden Sie auf SR.de. Auch im Interview der Woche auf SR 2 KulturRadio wird das Interview am Samstag gesendet. Zudem gibt es Hörfunkbeiträge zu den jeweiligen Themen.

  • 4. August: Heiko Maas
  • 11. August: Peter Altmaier
  • 18. August: Markus Beckedahl


Die Interviewer


Yvonne Schleinhege

Yvonne Schleinhege (Foto: Pasquale d'Angiolillo)

studierte in Saarbrücken Historische Kulturwissenschaften und absolvierte im Anschluss ihr journalistisches Volontariat beim SR. Arbeitet seitdem in der Programmgruppe Politik, Wirtschaft, Frankreich, Korrespondenten im SR-Hörfunk und ist insbesondere für die Themen Wirtschaft und Soziales zuständig.


Michael Schneider

Michael Schneider (Foto: Pasquale d'Angiolillo)

studierte Medienwissenschaft und Niederlandistik in Marburg und Journalismus in Mainz. Sein journalistisches Volontariat absolvierte er beim SR. Heute arbeitet er in der Programmgruppe Aktuelle Landesinformation des SR Fernsehens. Er produziert Beiträge für den aktuellen bericht.

Über dieses Thema wurde auch in den Hörfunknachrichten vom 28.07.2017 berichtet.

Artikel mit anderen teilen