SR-Sommerinterview: Blogger Markus Beckedahl

"Digitale Bildung fällt nicht vom Himmel"

SR Sommerinterview mit Markus Beckedahl

  18.08.2017 | 06:00 Uhr

Online-Wahlkampf, Netzpolitik und Regulierung im Internet - für das letzte SR Sommerinterview haben Yvonne Schleinhege und Michael Schneider den Chefredakteur von Netzpolitik.org, Markus Beckedahl, aus Berlin eingeladen. Was als kleiner Blog eines Netzaktivisten begann, ist heute einer der bekanntesten deutschsprachigen Blogs und wurde vor drei Jahren mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Markus Beckedahl ist 1976 in Bonn geboren. Das ist nicht unwichtig. Denn damit ist er in die erste Generation hineingeboren, die mit dem PC groß geworden ist. Er war gerade mit der Schule fertig, das Internet faszinierte ihn, die Politik interessierte ihn und so kam eines zum anderen. In dieser Zeit vor rund 20 Jahren fing die Politik an, Regeln für das Internet aufzustellen. „Ich wollte das nicht den Politikern überlassen, die damals meiner Meinung nach diese Zukunftswelt nicht ausreichend verstanden hatten“, sagt Markus Beckedahl.

Kritik am HateSpeech-Gesetz von Heiko Maas

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Mit dem neuen Gesetz von Bundesjustizminister Heiko Maas etwa ist er nicht einverstanden. Dieses Gesetz verpflichtet Betreiber sozialer Netzwerke dazu, binnen 24 Stunden offensichtlich rechtswidrige Inhalte zu löschen, andernfalls drohen ihnen hohe Strafen. Zwar hält Beckedahl die Intension, demokratische Regeln auch gegenüber Beinahe-Monopolisten wie Facebook durchzusetzen, für richtig. Für ihn ist dieses Gesetz aber ein Einstieg in die Privatisierung der Rechtsdurchsetzung. „Unternehmen wie Facebook sind schon zu mächtig und bekommen jetzt auch noch quasi rechtsstaatliche Aufgaben“, kritisiert der Journalist im SR Sommerinterview. „Diese Durchsetzung von Recht sollte Aufgabe unserer Richter und Gerichte sein.“

Plädoyer für digitale Bildung

Die Politik habe das verschlafen. Der Blogger ist sich sicher: Sie hätte mehr Geld in das Justizwesen stecken müssen. Auch die Polizei hätte besser darauf vorbereitet werden müssen, sagt er. Da sei viel zu lange gespart worden. Vor allem aber müsste mehr in digitale Bildung und in Medienkompetenz investiert werden. „Viele Menschen haben noch nicht verstanden, was es bedeutet im Netz zum Sender zu werden“, meint Beckedahl. Er möchte ihnen das auch nicht ankreiden. Während früher vor allem Journalisten mit langjähriger Ausbildung vor der Kamera standen oder Beiträge produzierten, geht das heute ganz einfach mit einem Smartphone. „Da ist ein Fernsehstudio drauf, da kann ich sofort live auf Sendung gehen. Wir haben aber viel zu lange geglaubt, dass die Medienkompetenz, die digitale Bildung, gleichzeitig vom Himmel fällt. Das tut sie nicht.“

Die Vermittlung von Medienkompetenz sei vielfältig, müsse zielgruppengerecht erfolgen. Ältere Nutzer müssten anders angesprochen werden und haben andere Lücken in der Kompetenz als junge Nutzer. Wichtig sei aber beispielsweise grundsätzlich zu vermitteln, dass man nicht einfach etwas ins Internet schreiben kann, wie man es in einem kurzen Satz in einem Gespräch erwähnt. Im Internet könne es „für immer stehen bleiben und ganz andere Auswirkungen haben.“

Vorsicht vor dem Online-Wahlkampf

Weiteres Thema im Interview mit dem Netzjournalisten ist die bevorstehende Bundestagswahl. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist aus dem Urlaub zurück. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ist auf Stimmenfang. Der Wahlkampf kommt so langsam in Schwung. Für Markus Beckedahl spielt das Netz auch hier eine große Rolle. Der Wahlkampf online könnte das Zünglein an der Waage sein – vor allem bei einem knappen Kopf-an-Kopf-Rennen. Es sei absurd, dass viele Parteien zwar gegen Facebook wetterten, aber einen Großteil ihres Wahlkampfbudgets in Facebook investierten. „Sie füttern das System quasi, weil es die besten Möglichkeiten liefert, zielgruppengenaue Werbung auszustrahlen.“ Wenn die Parteien das online machen, beginnt für ihn die heiße Phase des Wahlkampfes. Er geht davon aus, dass die Parteien erst in den letzten drei Wochen vor der Wahl mit diesem sogenannten Micro Targeting anfangen. Markus Beckedahl erklärt, wie das funktioniert. Wenn eine Partei zum Beispiel eine Botschaft für alleinerziehende Mütter zwischen 30 und 50 Jahren aus dem Saarland habe, könne sie online genau nur diese Zielgruppe ansprechen. Gleichzeitig könne sie eine weitere Botschaft, die sich davon inhaltlich vielleicht komplett unterscheidet, an 70-jährige, männliche Facebook-Nutzer aus Bayern senden.

Es werde spannend sein, zu sehen, wie sich das entwickelt – aus jüngsten Wahlen in anderen Staaten habe man gesehen, dass das große Auswirkungen haben kann.


Die Interviewer


Yvonne Schleinhege

Yvonne Schleinhege (Foto: Pasquale d'Angiolillo)

studierte in Saarbrücken Historische Kulturwissenschaften und absolvierte im Anschluss ihr journalistisches Volontariat beim SR. Arbeitet seitdem in der Programmgruppe Politik, Wirtschaft, Frankreich, Korrespondenten im SR-Hörfunk und ist insbesondere für die Themen Wirtschaft und Soziales zuständig.


Michael Schneider

Michael Schneider (Foto: Pasquale d'Angiolillo)

studierte Medienwissenschaft und Niederlandistik in Marburg und Journalismus in Mainz. Sein journalistisches Volontariat absolvierte er beim SR. Heute arbeitet er in der Programmgruppe Aktuelle Landesinformation des SR Fernsehens. Er produziert Beiträge für den aktuellen bericht.

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