Dirk von Petersdorff (Foto: Pressefoto)

"Die Gebäude an der Saar-Uni taten schon manchmal weh"

Das Interview führte Kai Forst   22.06.2017 | 10:23 Uhr

Die Geisteswissenschaften an der Saar-Uni haben seit Jahren einen schweren Stand. Kein Geld, zu wenig Personal und katastrophale räumliche Zustände. Zeichnet sich an anderen Hochschulen ein ähnliches Bild? Zumindest nicht an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Dort lehrt der renommierte Literaturwissenschaftler und Kleistpreisträger Dirk von Petersdorff. Bis 2008 war er in Saarbrücken. Im Gespräch mit SR.de kommt er zu der Erkenntnis: "Die Zustände in Saarbrücken waren schon überdurchschnittlich schlecht".

SR.de: Herr von Petersdorff, es wird häufig kritisiert, man lasse die Geisteswissenschaften in Saarbrücken ausbluten. Hatten Sie auch schon damals dieses Gefühl?

Dirk von Petersdorff: Also den Eindruck hatte ich nicht. Sicher ist das keine besonders große philosophische Fakultät gewesen. Bestimmte Fächer gibt es nicht. Aber ich hatte schon den Eindruck, dass sie wahrgenommen wurde und ihre Arbeit gut gemacht hat – wenn auch gegen alle Widerstände. Aber dass man sich wehren und aufpassen musste und Stärke zeigen musste, das war sicher schon damals so.

SR.de: Sie sind nun schon einige Jahre an der traditionsreichen Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Dort blickt man auf große Namen wie Hegel, Fichte, Schlegel oder eben Schiller zurück. Genießen die Geisteswissenschaften dort einen anderen Stellenwert?

Von Petersdorff: Ja, das ist sicherlich so. Das sieht man zum einen daran, dass die Fakultät sehr viel größer ist. Wir haben hier zum Beispiel den Studiengang „Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients“, die intensiv erforscht werden. Und es hat etwas mit der von Ihnen angesprochenen Tradition zu tun. Jena hat eine Jahrhunderte alte Universität und spielte in der Geschichte der Romantik des 18. Jahrhunderts und der Philosophie des 19. Jahrhunderts ein bedeutende Rolle. Man merkt das auch in der Hochschulleitung: Wir haben einen Mediziner als Präsidenten, der die Geisteswissenschaften sehr hochschätzt. Auch was die Infrastruktur und personelle Ausstattung angeht, sind wir auf einem hohen Niveau. Die Gebäude in Saarbrücken taten einem hingegen schon manchmal weh.

Zur Person

Dirk von Petersdorff lehrte von 1995 bis 2008 Neuere Deutsche Literaturwissenschaften in Saarbrücken und habilitierte dort 2003. 1998 erhielt er für seine beiden Gedichtbände "Wie es weitergeht" und "Zeitlösung" den hochdotierten und renommierten Kleistpreis und reihte sich damit in eine Riege klangvoller Namen wie Herta Müller, Monika Maron oder Max Goldt ein. Seit 2008 ist von Petersdorff Lehrstuhlinhaber an der traditionsreichen Friedrich-Schiller-Universität in Jena.

SR.de: Gerade die marode Philosophische Fakultät in Saarbrücken ist derzeit ein großes Thema. Es bröckelt und schimmelt an allen Ecken. Im Wintersemester muss ein großer Uni-Bau nun geschlossen werden. Auch das ist in Jena vermutlich anders?

Von Petersdorff: Das ist in der Tat ein großer Unterschied. Die Universität Jena besteht aus sehr vielen Einzelgebäuden auch über die Stadt verteilt. Sicher sind die auch in unterschiedlichem Zustand. Aber man kann generell sagen, es ist ein guter Zustand. Man hat einen Gebäudeservice, der sich wirklich sehr gut um die Gebäude kümmert. Es gibt einen Wachdienst, der abends noch einmal rumgeht. Bei historischen Gebäuden kommt auch mal der Denkmalschutz und sieht sich die Dinge an. Und wenn irgendetwas mal nicht in Ordnung ist, dann ruft man an und es kommt jemand vorbei. Thüringen ist zwar nicht das reichste Bundesland, aber sicher sind die Finanzsorgen noch ein wenig kleiner als im Saarland.

SR.de: Dennoch kostet am Ende ein jahrzehntelanger Sanierungsstau doch sicher mehr als regelmäßige Reparaturen und Renovierungsarbeiten. Woran könnte es also liegen, dass in Jena, die Dinge in Schuss gehalten und werden und in Saarbrücken nicht?

Von Petersdorff: Das ist wirklich schwer zu sagen. Ich erinnere mich noch, als in der Bibliothek in Saarbrücken Eimer aufgestellt wurden, weil es durch die Decke tropfte. Und das dafür wirklich gar kein Geld da ist, das ist schon schwer nachvollziehbar. Aber die Unterschiede sind schon signifikant. Ich sehe ja auch viele andere Universitäten. Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es beispielsweise Gebäude in einem nicht so guten Zustand. Aber die Zustände in Saarbrücken sind schon überdurchschnittlich schlecht.

SR.de: Ich interviewte kürzlich eine Studentin der Germanistik und Anglistik und sie sagte etwas Bemerkenswertes: „Wir Studenten der Geisteswissenschaften sind uns darüber bewusst, dass wir der Uni kein Geld einbringen und daher auch nichts in uns investiert wird.“ Eine bittere Erkenntnis.

Von Petersdorff: Ja, das ist eine bittere Aussage. Das wirkt sich auch auf die Motivation aus, das ist mir hier in Jena aufgefallen. Wenn man Gebäude hat, die in einem sehr guten Zustand sind, dann denken die Studierenden – genau umgekehrt wie die von Ihnen Zitierte– ‘Aha, das scheint ja wichtig zu sein, wenn man in Gebäude und Personal investiert‘. Das ist auch ein Zeichen gesellschaftlicher Hochschätzung.

SR.de: Was müsste seitens der Universität oder auch der Landesregierung getan werden, um den Studenten der Geisteswissenschaften das Gefühl zu vermitteln: Ihr seid wertvoll und was ihr studiert ist ebenso wertvoll?

Von Petersdorff: Es hängt natürlich vieles am Geld. Aber ein klares politisches Bekenntnis, dass das für das Saarland wichtig ist und dass man daran festhält und es ausbaut, das wäre schon mal etwas.

SR.de: Herr von Petersdorff, danke für das Gespräch.

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