Springerstiefel (Foto: dpa)

Rechtsextremistische Szene hat sich verändert

Anne Schubert   22.08.2017 | 15:00 Uhr

Vor 25 Jahren brannte in Rostock-Lichtenhagen eine Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein Wohnheim für Vietnamesen – angezündet von Rechtsradikalen. Die Ereignisse wurden zum Symbol für Ausländerhass. Auch im Saarland kommt es heutzutage immer wieder zu rechtsextremistisch motivierten Straftaten. Doch die Szene hat sich seit 1992 einem Wandel unterzogen.

Rostock-Lichtenhagen
25 Jahre nach ausländerfeindlichen Angriffen
Es waren die schwersten ausländerfeindlichen Krawalle in der Geschichte der Bundesrepublik, als vor 25 Jahren in Rostock-Lichtenhagen rechter Mob ungestört Ausländer attackierte. Dazu eine Chronologie der Ereignisse und im Interview: Rechtsextremismus-Experten Prof. Hajo Funke.

22. August 1992, Rostock-Lichtenhagen: Neonazis stecken eine zentrale Aufnahmestelle für Flüchtlinge und ein daneben stehendes Gebäude für vietnamesische Vertragsarbeiter in Brand. Viele Anwohner feuern die Randalierer an, die ihrer Zerstörungswut freien Lauf lassen. Wie durch ein Wunder wird keiner der Bewohner getötet.

Die Übergriffe waren die schwersten ausländerfeindlichen Krawalle in der Geschichte der Bundesrepublik. Und auch im Saarland war die rechtsextremistische Szene vor 25 Jahren stark ausgeprägt. Helmut Albert, Direktor des saarländischen Verfassungsschutzes, schätzt, dass damals 670 Rechtsextremisten im Saarland lebten. "Heute haben wir in der rechtsextremen Szene zum Jahreswechsel 290 Leute gezählt. Das ist im Unterschied zu 1992 ein deutlicher Rückgang", sagt Albert.

Neuer Höchstwert bei Straftaten

Doch auch wenn sich die rechtsextremistische Szene im Saarland in den letzten 25 deutlich verkleinert hat, so fällt auf, dass es heutzutage deutlich mehr gewaltbereite Anhänger gibt. "Wir schätzen den Anteil der Personen, die für ihre rechtsextremistischen Überzeugungen auch eine Gewalttat begehen, auf 60 Leute. 1992 waren es im Saarland nur 30", betont Albert.

Interview: Rechtsextremistisches Gedankengut - weiter verbreitet als nur in der Szene
Audio [SR 3, Interview: Christoph Grabenheinrich, 22.08.2017, Länge: 03:23 Min.]
Interview: Rechtsextremistisches Gedankengut - weiter verbreitet als nur in der Szene

Die Entwicklung zeigt sich auch bei der Anzahl rechtsextremistischer Straftaten. Nach Albert wurde im vergangenen Jahr ein neuer Höchstwert erreicht – 253 rechtsextremistisch motivierte Straftaten. 1992 habe es im Vergleich nur 68 Straftaten gegeben. Allerdings lag der Anteil der Gewalttaten 2016 nur bei acht, vor 25 Jahren noch bei 49.

Rechtsextremistisches Gedankengut weit verbreitet

Doch nicht nur die Größe der Szene und die Bereitschaft zur Gewalt haben sich verändert, auch die Täterstruktur hat sich einem Wandel unterzogen. Die Täter haben im Gegensatz zu früher oft keinen Vorlauf in der rechsextremistischen Szene. "Die Täter waren nie Mitglied einer rechtsextremistischen Partei, einer Neonazi- oder Skinheadgruppe. Die Täter werden uns meistens durch die Gewalttat erstmals bekannt", erklärt Albert. "Rechtsextremistisches Gedankengut ist weitaus mehr in der Bevölkerung verbreitet als nur der enge Bereich, der unser gesetzlicher Beobachtungsauftrag ist."

Über dieses Thema wurde auch in der Region am Mittag vom 22.08.2017 berichtet.

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