Pokémon GO (Foto: dpa)

Studenten im PokéFieber

Carla Sommer   14.07.2016 | 17:26 Uhr

Für viele Studenten heißt es zurzeit "noch ein Level" statt "noch ein Kapitel". Denn auf dem Saarbrücker Campus grassiert das PokéFieber. An jeder Ecke des Uni-Geländes sind die Monster-Sammler mit ihren Smartphones unterwegs, immer auf der Suche nach dem nächsten seltenen Pokémon.

Kurz vor dem Beginn der Semesterferien lässt die Konzentration von Studenten erfahrungsgemäß immer etwas nach, doch in diesem Jahr dürfte es besonders schlimm sein. Auch auf dem Campus der Universität des Saarlandes drehen sich die Gespräche seit einigen Tagen kaum noch um Vorlesungen, Seminare und Klausuren. Die Saarbrücker Studenten interessiert viel mehr, wo auf dem Campus sich das Shiggy versteckt hält. Ein kleines schildkrötenartiges Ungeheuer, das nur durch die Kamera des Smartphones sichtbar wird.

PokéStop am Fraunhofer Institut

Ein wildes Pokémon auf dem Campus der Saar-Uni (Foto: Carla Sommer/SR)
Ein wildes Pokémon auf dem Campus der Saar-Uni

Ein Blick auf die interaktive Karte der Pokémon GO App genügt, um zu erkennen: Der komplette Campus ist ein einziges Pokémon-Biotop. An jeder Ecke ploppen wilde Pokémons, PokéArenen und sogenannte PokéStops auf. Der erste PokéStop, den man passiert, wenn man die Uni durch den Osteingang betritt, ist das Fraunhofer Institut. Hier können die Spieler sich also mit virtuellen Gegenständen eindecken.

Ein paar Meter weiter steht eine Gruppe Informatikstudenten – die Blicke gesenkt auf ihre Smartphones. Ein Mädchen trägt eine quietschgelbe Pikachu-Kappe. Natürlich spielen auch sie das neue Pokémon-Spiel. "Die ganze Welt ist mit Pokémon-Fieber infiziert", sagt Sven, einer der Informatikstudenten. "Sogar unsere Tutoren zocken momentan lieber mit uns, als Unterricht zu machen." Das sei aber nicht nur ein Informatiker-Klischee. "Das spielt hier wirklich jeder gerade", erklärt eine andere Studentin. „Sogar die BWLer und die Juristen!“

Informatikstudentin Desi mit Pikachu-Kappe (Foto: Carla Sommer/SR)
Informatikstudentin Desi mit Pikachu-Kappe

Desi, die Informatikstudentin mit der Pikachu-Kappe, ist sich sicher, dass durch das Spiel neue Freundschaften entstehen können – auch über Studienfächer hinaus: "Ich war gestern mit ein paar Freunden zum Spielen in der Saarbrücker Innenstadt. Nach kurzer Zeit waren wir eine riesige Gruppe von Leuten, die ich nicht kannte, und sind dann alle zusammen zum Schloss hochgelaufen, um dort Pokémon zu sammeln. Durch das Spiel hat man sofort ein gemeinsames Gesprächsthema."

Smombie oder Poké-Trainer?

Tatsächlich ist fast jeder auf dem Campus mit dem PokéFieber infiziert. Kaum ein Student hat seinen Blick nicht angestrengt auf sein Smartphone gerichtet. Spielen die wirklich alle Pokémon GO oder achtet man nur sonst nicht darauf, wie viele Menschen als "Smombies" durch die Welt laufen? "Ich glaube nicht, dass sich das Nutzungsverhalten der Leute durch das Spiel wirklich verändert, weil sowieso schon immer alle tippend durch die Gegend gelaufen sind", meint Psychologiestudentin Rafaela. Sie ist eine der wenigen Studenten auf dem Campus, die die neue App noch nicht auf ihrem Handy haben. Bei ihr ist das halb gewollt und halb erzwungen. "Auf meinem Smartphone funktioniert die App nicht. Ich hätte mich aber auch sonst dagegen entschieden, weil ich momentan viel lernen muss. Aber ich bin auch ein bisschen traurig, dass es bei mir nicht funktioniert, denn als Kind habe ich natürlich auch Pokémon auf dem GameBoy gespielt", erzählt sie.

Zwei Studentinnen auf der Suche nach Pokémon auf dem Campus (Foto: Carla Sommer/SR)
Zwei Studentinnen auf der Suche nach Pokémon auf dem Campus

Vermutlich ist das auch der Grund, warum Pokémon GO besonders bei den Studenten so durch die Decke geht. Ein wildes Taubsi vor der Unibibliothek, eine PokéArena auf dem Parkplatz hinter der Mensa – das Spiel ist pure Nostalgie in einem neuen Gewand. Das, was die heute 20- bis 30-Jährigen in den Neunzigern als Kinder auf der Konsole zockten, lässt sich jetzt in den Alltag mit all seinen Aufgaben und Verantwortungen integrieren. Selbst wenn der Hype um Pokémon GO nach ein paar Wochen oder Monaten nachlassen sollte, der Trend der "Augmented Reality", der erweiterten Realität, ist gesetzt. Ob das eine gute oder eine schlechte Entwicklung ist, darüber lässt sich streiten. Psychologiestudentin Rafaela ist diplomatisch: "Wenn man schon spielt, dann lieber draußen als drinnen und lieber in der Gruppe als alleine."

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