Ein Kirchenkreuz  (Foto: imago/Marco Bertram)

Marx wusste von Missbrauchsverdacht

Barbara Spitzer / Onlinefassung: Daniel Weiland   16.08.2016 | 19:21 Uhr

Von den Missbrauchsvorwürfen gegen den ehemaligen Pfarrer von Freisen wusste auch der damalige Trierer Bischof und heutige Kardinal Reinhard Marx. Nach SR-Informationen erfuhr er im Jahr 2006 von den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen den katholischen Pfarrer wegen des Verdachts auf Missbrauch eines 15-Jährigen, unternahm aber nichts.

Kardinal Reinhard Marx wusste, dass die Justiz 2006 gegen den Freisener Pfarrer M. wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch eines 15-Jährigen ermittelte. Was er möglicherweise nicht wusste, aber hätte wissen können: M. hatte die Missbrauchsvorwürfe teilweise bei der Polizei gestanden. Das geht aus den Justizakten hervor, die der Anwältin des mutmaßlichen Opfers vorliegen.

Video [aktueller bericht, 16.08.2016, Länge: 4:24 Min.]
Kardinal Marx wusste von Missbrauchsvorwurf

Die Aussagen des Ex-Pfarrers decken sich offenbar in Teilen mit dessen Vorwürfen. Die Befragung durch einen Ermittlungsbeamten damals brachte den Pfarrer in Bedrängnis, auch das geht aus der Akte aus dem Jahr 2006 hervor. Der damals 52-Jährige entging einer Anklage durch die Justiz um Haaresbreite, denn der Verdachtsfall war um wenige Monate verjährt.

Bistum forderte Akten nicht an

Auch deswegen forderte das Bistum Trier die Akten der Justiz gar nicht erst an. Es hatte aber den Pfarrer befragt, der bestritt die Vorwürfe, der Fall wurde in aller Stille beigelegt. Dazu erklärte der Sprecher von Kardinal Marx auf SR-Anfrage: "Ich kann Ihnen mitteilen (…) dass die Meldung der Staatsanwaltschaft bezüglich der Einstellung der Ermittlungen (…) 2006 in der Personalkommission behandelt wurde und dass dann entsprechend der damals geltenden Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz verfahren wurde." Kardinal Marx war bei dieser Sitzung anwesend.

Heute wird in einem solchen Fall anders verfahren, es würden eigene Ermittlungen angestrengt werden. Doch die genannten Leitlinien sahen schon seit 2002 vor, dass Missbrauchsvorwürfe eingehend geprüft werden, die Fürsorge dem Opfer gilt, und alles getan werden muss, um Wiederholungstaten zu verhindern.

Mutmaßliches Opfer in Therapie

Das Bistum Trier erklärt dazu, die Leitlinien seien damals nicht so eindeutig gewesen, wie es heute erscheinen mag. Fakt ist: M. blieb bis 2015 Pfarrer in Freisen, fuhr mit Jugendlichen in Urlaub. Erst seit Mai hat er Kontaktverbot zu Minderjährigen, darf keine Messen halten.

Das mutmaßliche Opfer ist seit Jahren in Therapie, versucht aufzuarbeiten, was ihm 1999 im Freisener Pfarrhaus passiert sein soll. Die Kirche sucht nun das Gespräch mit ihm - zehn Jahre zu spät aus seiner Sicht. Die Aussagen lagen schon 2006 vor, man hätte nur hinschauen müssen. Dass das nicht geschah, liegt wohl auch in der Verantwortung des damaligen Trierer Bischofs Reinhard Marx.

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