Das Icon der Social Media-Plattform Facebook durch eine Lupe (Foto: dpa/Tobias Hase)

Adieu, Beleidigungsfreiheit: der Kampf gegen Hass im Netz

Felicitas Fehrer   26.11.2017 | 10:06 Uhr

Hetze, Hass und Trolle gehören inzwischen als fester Bestandteil zum Internet dazu. Denn in der heutigen digitalisierten Welt kann jeder alles öffentlich kommentieren - egal ob konstruktiv oder nicht. Die Facebook-Gruppe "#ichbinhier" will dem entgegenwirken und macht sich für einen respektvolleren Umgang im Netz stark.

Egal ob Putin-Trolle, Neonazis oder Wutbürger - alle posaunen sie online ihren Hass in die Welt. Es wird gepöbelt und sinnlos beleidigt. Manche Kommentare verstoßen sogar massiv gegen die Menschenrechte. Laut Hannes Ley, Strategieberater aus Hamburg, hat das nichts mehr mit Meinungsfreiheit zu tun. Um dem substanzlosen Hass im Netz ein Ende zu setzen, hat er im Dezember 2016 die Facebook-Gruppe #ichbinhier gegründet. Ursprünglich stammt das Konzept aus Schweden. Dort nennt sich die Gruppe #jägärhär, also "ich bin hier" auf Schwedisch. In Absprache mit der schwedischen Gründerin hat Hannes Ley die Idee kopiert und eine deutsche Version ins Leben gerufen.

Hannes Ley kämpft für einen besseren Umgangston im Netz. (Foto: Arne Weychardt)
Hannes Ley kämpft für einen besseren Umgangston im Netz.

"Der Sinn des Ganzen ist, teamorientiert gegen den Hass vorzugehen", sagt Ley. Die Gruppen-Mitglieder werden dazu aufgerufen, hitzige Diskussionen unter provokanten öffentlichen Postings zu entschärfen - durch sachliche, freundliche Kommentare - sogenannte Gegenrede. Dabei unterstützen sie sich gegenseitig mit Likes.

Und das kommt an: Inzwischen sind der Gruppe rund 37.000 Menschen beigetreten. Leys Wunsch ist es, noch mehr Mitglieder zu gewinnen, damit man gemeinschaftlich noch besser gegen Hasskommentare ankämpfen kann. "Wenn wir es schaffen würden, irgendwann 100.000 Mitglieder zu bekommen, dann wäre das wunderbar", sagt Ley. "Denn wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, an dem wir alle aktiv werden müssen. Man darf nicht erwarten, dass die Behörden alles regeln. Jeder Einzelne muss etwas für die Demokratie tun."

Problem: Online-Diskussionen ohne Struktur

Dass es in sozialen Netzwerken immer wieder zu impulsiven Shitstorms kommt, hängt laut Hendrik Unger, Social Media Experte aus Köln, mit der fehlenden Struktur zusammen. Er ist europaweit als Speaker, Dozent und Buchautor unterwegs und hat bereits Marketingkonzepte für die IHK und Aktion Mensch entwickelt.

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"Das größte Problem, das wir diesbezüglich bei Facebook haben, ist, dass es keine moderierte Diskussionen gibt", sagt Unger. "Jeder darf alles und es gibt keine Diskussionsregeln. Deswegen sind meiner Meinung nach alle Versuche, das Ganze in eine moderierte Kommunikation umzuwandeln, so wie #ichbinhier das tut, sehr sinnvoll."

Was die Auswirkungen von beleidigenden Kommentaren so enorm macht, ist laut Unger die große Reichweite. "Wenn ich auf der Straße mitbekomme, dass jemand einen anderen Menschen 'Blödmann' nennt, dann schreite ich eher weniger ein, als wenn ich so etwas bei Facebook sehe. Denn dort hat das Ganze ein ganz anderes Gewicht, weil es viel mehr Leute mitbekommen", sagt Unger.

Saarland-Power bei #ichbinhier

Auch Susanne Kruse aus Saarbrücken setzt sich im Internet für mehr Toleranz ein. In der Facebookgruppe #ichbinhier ist sie seit Anfang des Jahres Mitglied. "Ich habe bereits Gegenrede betrieben, da wusste ich noch gar nicht, dass es das gibt", sagt die Saarbrückerin.

Susanne Kruse aus Saarbrücken ist bei #ichbinhier aktiv. (Foto: Susanne Kruse)
Susanne Kruse aus Saarbrücken ist bei #ichbinhier aktiv.

Angefangen hat alles in der Kommentarspalte unter einem Youtube-Video, in dem die Komödiantin Carolin Kebekus in einem Nonnenkostüm kritisch über die Kirche rappt. "In den Kommentaren ist deswegen eine richtige Glaubensdebatte ausgebrochen. Irgendwann haben sich dann noch Neonazis und das Anonymous Collectiv eingeklinkt – dann ist die Situation eskaliert", erzählt Susanne. "Dabei wurden Menschen persönlich aufs Übelste angegriffen. Die Gefahr des Internets ist die, dass man einander nicht ins Gesicht schauen muss, wenn man etwas kommentiert. Man nimmt weder Mimik noch Gestik des Gegenübers wahr und kann dementsprechend nicht sehen, ob man die Person verletzt hat. Man muss sich erst einmal nicht mit den direkten Folgen auseinandersetzen. Die Empathie geht völlig verloren."

Daraufhin fing Susanne Kruse an, auf extremistische Kommentare unter dem Youtube-Video zu antworten und Partei für Minderheiten zu ergreifen. Das blieb nicht ohne Folgen: Sie wurde online nicht nur beschimpft, sondern erhielt sogar eine Morddrohung. "Damit haben sie mich erst einmal klein gekriegt". ‚Sie‘, das sind sogenannte Trolle – also Menschen, die Kommentare veröffentlichen, mit denen sie offensichtlich nur provozieren wollen, ohne einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion zu leisten.

„Meinungsfreiheit ist keine Beleidigungsfreiheit“

Nach diesem Schock lautete Susannes Devise: "Jetzt erst recht". In den Kommentarspalten zu kontroversen Beiträgen machte sie den Mund auf, wenn mal wieder jemand wahllos Minderheiten beschimpfte oder Hasstiraden vom Stapel ließ.

"Irgendwann habe ich gemerkt, dass es effektiver ist, sich mit anderen zu verbünden, um gegen Hassrede anzukämpfen", sagt die Saarbrückerin. Im Netz knüpfte sie Kontakt zu Gleichgesinnten, die dasselbe Ziel verfolgten. So wurde sie auch auf die Gruppe #ichbinhier aufmerksam, in der sie heute zu den "Heavy Usern", also den festen Kommentatoren, gehört. "An freien Tagen beschäftige ich mich schon mal bis zu zehn Stunden am Tag damit, im Netz aufzuräumen und Menschenfeinden Paroli zu bieten", sagt Kruse. "Für mich hat das etwas mit Zivilcourage zu tun. Denn Meinungsfreiheit ist keine Beleidigungsfreiheit."

Ständige Konfrontation mit Hass

Aber wie geht man mit so viel Hass und Wut um? "Wenn man sich gegen Trolle wehrt, setzt man sich bewusst dauerhaft mit Negativität auseinander. Das macht etwas mit einem", sagt Susanne Kruse. Sie habe aber das Glück, eine starke Persönlichkeit zu haben, um damit fertig zu werden. Nichtsdestotrotz gibt es Tage, an denen sie so erschüttert ist über das, was da im Netz vor sich geht, dass sie sich lieber eine Zeit lang aus sozialen Netzwerken zurückzieht und nicht darauf eingeht. "Denn manchmal verliere ich bei so viel unreflektiertem Hass auch mal die Contenance."

Grundsätzlich ruft sie dazu auf, Courage zu zeigen und Gegenrede zu betreiben. "Und wenn dieser Courage-Akt nur darin besteht, einen menschenfeindlichen Kommentar zu melden", sagt Susanne Kruse.

Die Saarbrückerin wünscht sich, dass auch Journalisten aktiv werden, indem sie auf reißerische Überschriften verzichten. "Denn so etwas provoziert. Und Menschen, die voller Hass kommentieren, werden oft von diesen Überschriften angestachelt, ohne den Artikel überhaupt gelesen zu haben." Dafür hat sie einen Verbesserungsvorschlag: "Vielleicht sollte nicht jeder alles kommentieren können dürfen. Wie wäre es damit: Bevor man einen Artikel kommentieren darf, muss man inhaltliche Fragen beantworten, um zu beweisen, dass man ihn auch tatsächlich gelesen hat. Und nicht nur aus Wut über die vielleicht reißerische Überschrift direkt seinen destruktiven Dampf ablässt."

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