Ein Krankenhausarzt zieht sich den Schutzanzug an. (Foto: dpa)

Hygieneprobleme in Krankenhäusern - Eine Spurensuche

Sandra Schick   15.04.2017 | 08:35 Uhr

Das Thema Hygiene ist in Krankenhäusern von zentraler Bedeutung. Immer mehr Patienten fürchten sich vor Krankenhausinfektionen mit multiresistenten Keimen. Durch bessere Hygiene könnten viele dieser Fälle vermieden werden. Aber wo liegen die Ursachen für Hygienemängel im heutigen Krankenhausalltag? SR.de hat sich auf Spurensuche begeben.

Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts gibt es in Deutschland jedes Jahr zwischen 400.000 und 600.000 Patienten, die sich während ihres Klinikaufenthalts eine Krankenhausinfektion zuziehen. Etwa 10.000 bis 15.000 Menschen sterben durch diese sogenannten "nosokomialen Infektionen" pro Jahr. Die Zahlen beruhen auf einer im Jahr 2008 veröffentlichten Hochrechnung des Nationalen Referenzzentrums (NRZ) für Surveillance.

SR 3 - Hygieneprobleme in Krankenhäusern durch zu wenig Fachpersonal
Audio [SR 3, Sandra Schick, 15.04.2017, Länge: 00:38 Min.]
SR 3 - Hygieneprobleme in Krankenhäusern durch zu wenig Fachpersonal

Zu den häufigsten Krankenhausinfektionen gehören nach Angaben des Robert-Koch-Instituts Lungenentzündungen, Blutvergiftungen, Harnwegs- und Wundinfektionen sowie Durchfall-Erkrankungen. Ein Teil der Infektionen wird durch Erreger verursacht, die gegen Antibiotika resistent sind. Bei der Verbreitung der Erreger spielen Hygienemängel eine wichtige Rolle, insbesondere die Händehygiene.

Hygiene, Händedesinfektion - es klingt so banal und so selbstverständlich. Eigentlich wie eine Nebensache. Doch Krankenhaushygiene ist komplexer. Es geht nicht nur darum, überall Desinfektionsmittelspender aufzustellen oder die Reinigungstruppe zu überwachen: Krankenhaushygieniker sammeln Infektionsdaten, analysieren die Infektionen in ihrer Klinik. Wie kam es zur Infektion? Welche Keime haben wir in unserer Klinik? Wie reagieren diese Keime auf Antibiotika? Darüber hinaus spielt die Beratung der Patienten und die fortwährende Schulung der Mitarbeiter eine wichtige Rolle. Auch die Überprüfung von technischem Equipment, wie Reinigungs- und Desinfektionsgeräte und Klimaanlagen sowie die Begleitung von Baumaßnahmen gehören zu den Aufgaben der Hygieniker.

Viele Aufgaben also, die in der knappen Zeit im Krankenhausalltag bewältigt werden müssten. In vielen Kliniken stehen für die Hygiene jedoch nicht genug Zeit und finanzielle Ressourcen bereit.

Video [aktueller bericht am Samstag, 15.04.2017, Länge: 0:52 Min.]
Hygienemängel in saarländischen Krankenhäusern

Die Ursachen für Hygieneprobleme:


1. Es gibt zu wenige Ärzte, die im Hygiene-Bereich ausgebildet sind

Ein Arzt untersucht während der Visite eine Patientin. (Foto: Imago/Olaf Döring)

Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) schlägt seit Jahren Alarm: In Deutschland gibt es viel zu wenige Ärzte im Hygienebereich. Es fehlen sowohl Fachärzte für Hygiene und Umweltmedizin als auch Krankenhaushygieniker. Um den Bedarf zu decken, bräuchte man nach Schätzungen der DGKH in Deutschland zwischen 1000 und 2000 solcher Ärzte. [mehr]

2. Einsparungen bei der Reinigung

Reinigungspersonal im Krankenhaus (Foto: dpa)

Der hohe Kostendruck bei den Kliniken hat dazu geführt, dass auch im Bereich Hygiene der Rotstift angesetzt wurde. Reinigungsleistungen wurden ausgelagert. Geputzt wird nicht mehr von eigens angestellten Putzkräften - sondern von externen Firmen oder Tochtergesellschaften. Auch findet in vielen Kliniken keine tägliche Reinigung mehr statt. Das kann fatale Folgen haben. [mehr]

3. Zu wenig Pflegepersonal in den Kliniken

Symbolbild: Ein Krankenpfleger auf der Station eines Krankenhauses  (Foto: dpa)

Studien haben es vielfach bewiesen: Ein Hauptrisikofaktor für Probleme in der Krankenhaushygiene ist Personalknappheit. Wo Personal fehlt, Stationen unterbesetzt und Pflegekräfte im Stress sind, kommt es signifikant häufiger zu Hygienemängeln und damit zu einem vermehrten Vorkommen von Krankenhausinfektionen und multiresistenten Erregern. [mehr]

4. Einsparungen in der Lehre, Probleme in der Weiterbildung

Medizinstudenten im Operationssaal eines Krankenhauses. (Foto: dpa)

An den deutschen Universitäten hat sich die Ausbildungssituation im Bereich Hygiene in den letzten 20 Jahren dramatisch verschlechtert, warnt die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Das Thema Hygiene nehme zu wenig Raum im Medizinstudium ein. Auch die Weiterbildung vorhandener Ärzte zum Krankenhaushygieniker wird nach Ansicht der DGKH viel zu schlecht angenommen. Das Interesse an dieser Weiterbildung seitens der Ärzteschaft ist gering. [mehr]

Über dieses Thema wurde auch in der SR3-Rundschau vom 15.04.2017 berichtet.

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